Anna Campell ist in Afrin gestorben

Immer dort wo Menschen sterben, werden so viele Träume heimatlos, und dies gilt umso mehr, wenn Menschen, die für Freiheit kämpfen, dafür ihr Leben zu geben bereit sind.

Viele Jahre hatte ich Briefkontakt zu Anna, sie lebte in Großbritannien und war unter anderem bei abc (anarchist black cross) aktiv. Zu Anfang schrieb sie mir unter einem Alias-Namen, Daisy, seit 2015 dann als Anna.

Ich erinnere mich an eine junge, lebendige, kritische Frau, die auch mit viel Geduld mein miserables Englisch ertrug. Ihre Briefe illustrierte sie mit lustigen Zeichnungen und sie strahlte stets viel Humor und Wärme aus.

Als ich vor ein paar Wochen davon erfuhr, dass sie bei einem türkischen Bombenangriff in Afrin umgebracht wurde (https://www.theguardian.com/world/2018/mar/19/briton-kurds-anna-campbell-dies-fighting-turkey-syria-afrin), eine Genossin hatte mir den Zeitungsartikel zugeschickt, war mein Herz voll Trauer.

Der Tod, er ist für den der stirbt das Ende der Zeit, und zumindest für einen Augenblick auch ein Stillstand der Zeit für diejenigen, die die Zeugen des Todes sind.

Dort, wo die vielen Berichte aus Rojava, oder eben auch Afrin die Zahl der Verletzten und Toten meldeten, wird das Leid durch solch einen persönlichen Bezug zu jemandem, der dort gekämpft hat und gestorben ist, greifbarer.

Viele Angehörige, FreundInnen, GenossInnen vermissen Anna; ich werde keine Briefe mehr von ihr mit den lustigen Zeichnungen erhalten.

War es ein schönes Leben, das sie hatte, eine erfüllte Existenz? Das ist eine Frage, die doch letztlich sich jeder auch am Ende des eigenen Lebens stellen sollte.

So wie ich sie und auch FreundInnen von ihr erlebt habe, hat sie ein erfülltes Leben geführt: Ein dem Leben ganz und gar zugewandtes.

Und sie war bereit, ihr Leben einzusetzen für einen Kampf, der die Welt zu einem besseren Ort machen soll.

Jetzt lebt Anna nicht mehr, aber die Erinnerung an sie wird fortleben in so vielen Herzen!

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA – SV-Abtlg., Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg
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Die überfüllte Knastzelle

Einer der vielen Streitpunkte in deutschen Knästen, wie aber wohl in einem jedem anderen Land auch, ist die Frage, wie viel Gefangene im Haftraum aufbewahren dürfen. Nun fährt die JVA Freiburg einen konfrontativen Kurs.

Die Knastzelle

In der Strafhaft meist wenig größer als 7 qm, in der Freiburger Sicherungsverwahrung knapp doppelt so groß, ist der den InsassInnen verbliebene Rückzugsraum. Der Ort, der ihren Lebensmittelpunkt darstellt, im Bereich der Sicherungsverwahrung vielfach auch der Platz, an welchem sie eines Tages sterben.

Die „Übersichtlichkeit“ der Zelle

Die Knastleitungen und ihre Beschäftigten auf den Stationen fordern eine „Übersichtlichkeit“ der Zelle, so dass sie jederzeit „gut kontrollierbar“ ist; am liebsten sollen Gefangene so wenig wie möglich in den Zellen aufbewahren. Deshalb gibt es „Rahmenverzeichnisse“, die genau auflisten, was maximal in einer Zelle sein darf. Dort werden die Zahl der Kuverts, der Unterwäsche und aller anderer „erlaubter Gegenstände“ detailliert aufgeführt. In der Praxis sammelt sich bei Gefangenen mit langen Strafen oder Verwahrten der SV immer ein bisschen mehr an, was die JVA Freiburg auch bis dato akzeptiert hat.

Die „neue Politik“ von Bereichsdienstleiter W. und Konsorten

Im Februar/März 2018 fanden sogenannte „Zellenbegehungen“ statt (in der SV „Zimmerbegehungen“ genannt, denn die vergitterten Zellen hat der Gesetzgeber in „Zimmer“ umdefiniert) in der Sicherungsverwahrung der JVA Freiburg.
Bei fast allen Verwahrten kam es zu Beanstandungen, sei es, weil Bilder an den Wänden hingen, der Boden zu staubig oder eben, die Zelle „überladen“ (O-Ton Obersekretär L.) sei.
Somit sei die leichte Durchsuchbarkeit für das Schließpersonal nicht mehr leistbar, die Zellen müssten in den nächsten Wochen teilweise nachdrücklich auf einen „übersichtlichen Stand“ gebracht werden.

Der Zellenbesuch vom 8.3.2018

Am 8.3.2018 traten drei Bedienstete, der schon erwähnte Bereichsdienstleiter W., der Hauptsekretär B. und dessen Kollege Obersekretär L. auch in meine Zelle und in weichem Tonfall erklärte Bereichsdienstleiter W., so wie das bei mir aussehe, könne das keinen Bestand haben. Ich möge bis in einigen Wochen Habe aus der Zelle geben.
Und so gingen die drei uniformierten Sicherheitsbeamten von Zelle zu Zelle. Einige wenige Insassen reagierten nachdrücklich abweisend, andere nahmen die Belehrungen hin und versprachen, folgsam zu sein.

Die Fotos der Zelle

Im Sommer 2017 wurde meine Zelle fotografiert; damals hatte ich davon nichts erfahren und war umso erstaunter, als ich eines Tages meinen Müll in die Stationstonne warf. Weil mir mein Totenkopfring vom Finger abrutschte und auch in der Tonne landete, musste ich diese halb leeren, um den Ring zu finden. So fielen mir die Bilder meiner Zelle, schön in Farbe, in die Hände; Bedienstete hatten diese Unterlagen offenbar nicht geschreddert, sondern in den Stationsmüll geworfen.
Wer mag, findet die eingescannten Photos als pdf-Datei am Ende des Artikels und mag selbst beurteilen, wie „überladen“ die Zelle tatsächlich ist.

Die Konsequenzen

In meinem Fall wurde insbesondere die hohe Zahl an Büchern „beanstandet“, weshalb ich meinen Schulbesuch beendet habe.
Ich hatte hier seit 2015 die Gefängnisschule besucht und bis Juli wären die Schulfremdenprüfungen erfolgt, allerdings ist das Abitur unter diesen Voraussetzungen für mich weder leistbar, noch darstellbar. Eine Anstalt, die den Besitz von Büchern reglementiert, allerdings den Besitz hunderter Spiele-Konsole-Spiele zulässt (bis zu 300 CD-Scheiben sind hier ganz offiziell erlaubt), macht deutlich, welche Prioritäten sie setzt. Der seine Tage und Nächte an der Konsole sich abstumpfende Insasse ist sicherlich der „bequemere“ Häftling, als der der liest und dann das so gewonnene Wissen nützt.
Andere Insassen haben schon angekündigt, sich zu weigern, Sachen aus ihren Zellen zu geben. Es bleibt abzuwarten, wie viele am Ende standhaft bleiben.

Der Ausblick

Meine Reaktion sei unverhältnismäßig heißt es; nun ist das so eine Sache mit der „Verhältnismäßigkeit“. Ob Anlass und Reaktion in angemessenem Verhältnis zueinander stehen ist immer abhängig vom Standpunkt des/der BetrachterIn. Vorliegend greift die Anstalt unmittelbar in den letzten verbliebenen Rückzugsraum der Insassen ein. Auch diesen möchte sie jederzeit kontrollierbar halten. Die Seele haben die Verwahrten ebenso zugänglich zu machen, sich offen und bis in den letzten Winkel ausleuchten lassend, der Anstalt überantwortend. Der Zugriff auf die Insassen soll allumfassend sein.
Und es wird auch nicht die letzte Maßnahme der Haftanstalt sein, mit der sie versucht, die Insassen in das Korsett von Überwachung und allumfassender Kontrolle zu zwängen.

Sie, die Sie dies hier lesen, Sie leben nicht seit Jahren unter permanenter Rundumüberwachung, wo jeder Schritt außerhalb der Zelle überwacht, dokumentiert, zum Gegenstand der Bewertung des Staates wird. Wo jederzeit Fremde in Ihren Rückzugsraum eindringen, diesen fotografieren (dürfen), durchsuchen, Ihre Wäsche, Ihre Briefe befingern – und das seit Jahren. In meinem eigenen Fall seit 21!

Es gibt andere Insassen, die dann vor Wut schreien, die „drohen“ – und damit genau das der Anstalt an Material in die Hände spielen, was diese nutzt, um die Fortdauer der Verwahrung zu rechtfertigen.
Ich reagiere gleichfalls, aber ich werde die nun freigesetzten zeitlichen Ressourcen dazu nutzen, wieder mehr zum privaten Vergnügen zu lesen (jene Bücher, die man mir belassen wird), und auch konsequent gegen Rechtsverletzungen der Anstalt gerichtlich vorzugehen.

In diesem Sinne – halten Sie Ihre Wohnung schön übersichtlich ……

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA – SV-Abteilung, Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg
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Haschisch vom Knast für Sicherungsverwahrte

Kürzlich berichtete ich über Herrn Ho., der sich gegen die JVA Freiburg mehrfach erfolgreich vor Gericht zur Wehr setzte. Nun errang er einen weiteren Etappensieg. Die Anstalt muss nun prüfen, ob sie ihn mit Cannabis versorgt.

Die Vorgeschichte

Der 1978 geborene Herr Ho. leidet an ADHS, dem sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit – und Hyperaktivitätssyndrom, weshalb er seit Jahren von der JVA den Wirkstoff Ritalin erhält, der jedoch verschiedene Nebenwirkungen habe, so Ho. Zum einen habe er massiv an Gewicht verloren, da das Medikament den Hunger dämpfe. Ferner habe er Magenbeschwerden und stets sei das Blutbild im Blick zu halten.

Die Entscheidung der JVA vom 1.8.2017 

Nachdem Ho. die Versorgung mit Cannabis bei der JVA Freiburg beantragt hatte, lehnte diese lapidar ab, eine solche Versorgung sei hier nicht vorgesehen.

Die Klage 

Hiergegen zog der Sicherungsverwahrte vor Gericht. Er beantragte beim Landgericht Freiburg zu prüfen, ob die Ablehnung rechtmäßig sei. Seitens der Anstalt wurde schriftsätzlich Stellung genommen. Cannabisprodukte seien nur gegen Spastiken bei Multipler Sklerose (MS) zugelassen. Da Herr Ho. unstrittig nicht an MS leide, bestehe auch keine Möglichkeit Cannabisprodukte zu verordnen.

Beschluss des Landgerichts Freiburg

Mit Beschluss vom 23.01.2018 (Az.: 13 StVK 304/17) hob das Landgericht die Entscheidung der JVA Freiburg auf. Ferner verpflichtete des Gericht die Anstalt, Herrn Ho., unter Beachtung der Rechtsauffassung des Landgerichts neu zu bescheiden. Unzutreffend gehe man seitens der Anstalt davon aus, die Verordnung komme nur bei MS in Frage, vielmehr sei auch bei ADHS die Anwendung von Cannabis „nicht ausgeschlossen“, so die Kammer.

Allerdings stelle die Versorgung mit Cannabis die ultima ratio dar.

Weiterer Verlauf 

Die Anstalt hat nun bis zu drei Monate Zeit, bis sie Herrn Ho. neu bescheiden muss. Ob sie ihn mit Cannabis versorgt ist offen. In anderen Fällen hat die 12. Strafvollstreckungskammer des LG Freiburg auch schon die Vesorgung mit Subutex oder Diamorphin angeregt. Weshalb des – nicht nur in Freiburg – Alltag ist, das gerade Drogenabhängige substituiert werden. Weshalb dann nicht auch somatisch Kranke mit Cannabis versorgt werden, ist nicht nachvollziehbar.

Thomas Meyer-Falk, z. Zt. JVA (SV)
Herrmann-Herder-Str. 8, 79104 Freiburg
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Anlage

Beschluss des Landgerichts

Datei: 

Beschluss LG Freiburg 23.01.2018 13 StVK 304 17.pdf

Der Kampf geht weiter – Sicherungsverwahrter gewinnt vor Gericht

In der Vergangenheit habe ich über so manche Verfahren berichtet, die ich selbst gegen die Justizvollzugsanstalt Freiburg geführt habe; mittlerweile gehen auch andere Verwahrte dazu über, sich gerichtlich zu wehren. Darunter Herr Ho., knapp vierzig Jahre alt und seit 2014 in der Sicherungsverwahrung untergebracht.

 

Besuch der Eltern verweigert

An seinem Geburtstag wollte Herrn Ho. dessen Eltern besuchen kommen; er freute sich sehr auf die Begegnung, kochte Kaffee und hatte extra Kuchen besorgt. Um 13 Uhr sollte der Besuch beginnen, aber weil die Eltern „verspätet“ am Tor der Anstalt klingelten, nämlich erst um 12.45 Uhr, anstatt um 12.40 Uhr schickte man die Eltern weg und informierte das Geburtstagskind, dass der Besuch entfalle.

Herr Ho. reagierte mit großer Enttäuschung, schmiss seinen Korb, welchen er gepackt hatte um das Kuchengeschirr und den Kaffee in den Besuchsraum zu transportieren, auf den Boden.

Nachdem er sich abgekühlt hatte, wählte er den Rechtsweg. Und tatsächlich stellte dann am 04.02.2016 (Az.: 13 StVK 52/15) das Landgericht Freiburg unter Vorsitz von Richter M. fest: „Es wird festgestellt, dass die am 12.02.2015 erfolgte Verweigerung eines Besuches der Eltern des Antragstellers rechtswidrig war“.

Die Anstalt konnte nämlich nicht belegen, dass die Sicherheit oder Ordnung gefährdet worden wäre, hätte man die Eltern eingelassen, obwohl sie, anstatt wie von der Justizvollzugsanstalt vorgeschrieben, um 12.40 Uhr „erst“ um 12.45 Uhr am Tor geklingelt hätten.

 

Verweigerte Telefonate

Damit Sicherungsverwahrte an Weihnachten und Silvester länger mit ihren FreundInnen und Angehörigen telefonieren können als sonst von der Justizvollzugsanstalt zugelassen, wurde seitens der Abteilungsleitung im Dezember 2016 verkündet, die Telefone in den Zellen wären bis 24 Uhr am Heiligabend und bis 1 Uhr am Silvesterabend/Neujahr frei geschaltet, anstatt um 22 Uhr – wie sonst üblich – abgeschaltet zu werden.

Schon 2015 wurde derartiges versprochen und dann saßen die Insassen in ihren Zellen, aber die Telefone blieben stumm. Kleinlaut entschuldigte man sich dann Anfang 2016 und verwies auf technische Probleme.

Nachdem aber auch 2016 die Telefone erneut nicht frei geschaltet wurden, klagte Herr Ho. Und am 08.01.2018 entschied das Landgericht Freiburg (Az.: 13 StVK 12/17), dass es „rechtswidrig war, die Freischaltung der Telefone (…) nicht sichergestellt zu haben“.
Und zum Jahreswechsel 2017/18? Erneut wurde versprochen, man werde die Telefone frei schalten – und das dritte Jahr in Folge saßen die Insassen vor den toten Apparaten. Zumindest an Weihnachten 2017. Der hierfür verantwortliche Bedienstete, Herr Amtsinspektor W. bedauerte den Vorgang, man habe sich seitens der Anstaltsleitung extra noch im Vorfeld mehrfach darüber unterhalten und besprochen, dieses Jahr die Freischaltung wirklich sicher zu stellen – und er habe es dann prompt vergessen. Aber an Silvester funktionierte dann (erstmals) die Freischaltung tatsächlich.

 

Die abgesagte Ausführung

Sicherungsverwahrte in Baden-Württemberg dürfen vier Mal im Jahr die Anstalt, wenn auch scharf bewacht von Vollzugspersonal, verlassen; sei es zu Spaziergängen, oder um Freunde/Angehörige zu besuchen. So auch Herr Ho.

Für den 24. Mai 2017 hatte er geplant, seine Eltern zu besuchen, und sein berufstätiger Bruder sollte aus der Schweiz anreisen, wo er arbeitet und extra Urlaub genommen hatte. Die Enttäuschung und der Frust waren groß, als man am 22. Mai 2017 Herrn Ho. seitens der Anstalt mitteilte, die Ausführung für den 24. Mai sei hiermit abgesagt und werde zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Lapidar ließ die Justizvollzugsanstalt Freiburg wissen, ihr fehle das für die Ausführung erforderliche Personal.

Hiergegen zog Herr Ho. vor Gericht, nicht zuletzt auch deshalb, weil seit 2014 die Anstalt bei diversen Untergebrachten mitunter noch kurzfristiger lange geplante Ausführungen abgesagt hatte. Und in seinem konkreten Fall hatte sein Bruder ja sogar extra Urlaub genommen, um ihn zu treffen.

Das Landgericht Freiburg (Az.: 13 StVK 181/17) entschied am 01.08.2017, die Justizvollzugsanstalt habe nicht rechtsfehlerhaft gehandelt, sie hätte wegen kurzfristiger Personalausfälle sowie der Langzeiterkrankung mehrerer Beamter die Ausführung absagen dürfen.

Gegen diesen Beschluss erhob Herr Ho. Rechtsbeschwerde zum Oberlandesgericht Karlsruhe. Mit Schriftsatz vom 25.10.2017 verteidigte das beteiligte Justizministerium des Landes Baden-Württemberg mit Vehemenz die Entscheidung der unteren Instanz, sowie die Praxis der Justizvollzugsanstalt Freiburg, auch langfristig im Voraus geplante Ausführungen kurzfristig abzusagen.

Das Oberlandesgericht Karlsruhe (Az.: 2 Ws 290/17) entschied am 13.12.2017 jedoch, dass auf die Rechtsbeschwerde von Herrn Ho. der Beschluss des Landgerichts vom 01.08.2017 aufgehoben und festgestellt werde, dass die Verfügung, mit der die Ausführung abgesagt wurde, rechtswidrig gewesen sei.

Sieg auf ganzer Linie für Herrn Ho. Wiewohl der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts primär formale Mängel rügt, so habe nämlich die Justizvollzugsanstalt bei Erlass ihrer Verfügung, mit der die Ausführung abgesagt wurde, die vom Gesetz vorgeschriebene Abwägung zwischen den schutzwürdigen Interessen von Herrn Ho., nämlich darauf vertrauen zu dürfen, dass die Ausführung erfolgen werde und den vollzuglichen Interessen der Anstalt nicht vorgenommen.

 

Wie geht’s nun weiter?

Die Anstalt hat seit 2013 in dutzenden Verfahren von den Gerichten attestiert erhalten, die Rechte der Sicherungsverwahrten verletzt zu haben; zu einem spürbaren Umdenkungsprozess hat dies aus Sicht vieler Insassen, wie auch ihrer anwaltlichen VertreterInnen, nicht geführt. Der Rechtsweg ist meines Erachtens, wiewohl ich ihn auch selbst nutze, aus politischer Sicht eine ambivalente Angelegenheit. Man wird darauf zurückgeworfen, jene Mittel zur Verteidigung zu nutzen, die einem der Staat belassen hat, und indem man sie nutzt, erhält man das System aufrecht, bestätigt also zumindest implizit dessen Legitimität.

Zudem mutet es pittoresk an, wenn eine sich selbst als „milieutherapeutische Einrichtung“ bezeichnende Anstalt von Gerichten seit Jahren bescheinigt bekommt, sie verletze die Rechte der dort zwangsweise festgehaltenen Menschen. Wo doch eigentlich dort, also in jener Einrichtung, deren Personal die Rechte der Sicherungsverwahrten verletzt, letztere lernen sollen, ihrerseits die Rechte anderer zu achten und zu respektieren (die Aufgabe des Vollzuges sei es nämlich, die Insassen zu befähigen, ein Leben in sozialer Verantwortung und ohne Straftaten zu führen).

Selbst im Grunde menschlich völlig selbstverständliche Gesten, wie eine Entschuldigung, bekommt man als Insasse fast nie zu hören (der oben erwähnte Amtsinspektor W. war sich nicht zu schade, sich für seinen Fehler zu entschuldigen, ist damit aber die absolute Ausnahme), aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass sich in keinem einzigen der dutzenden Verfahren, die ich gegen die Anstalt gewonnen habe, sich jemals irgendwer entschuldigt hätte.

Einsicht in eigenes Fehlverhalten fordert das Personal von den Insassen nahezu täglich ein, zugleich verweigert sich das selbe Personal mit einer Vehemenz, eigene Fehler einzuräumen und sich für Rechtsbrüche zu entschuldigen, die typisch ist für Staatsbedienstete. D.h. hier geht es den Insassen nicht anders als beispielsweise Opfern von Polizeigewalt.

So bleibt den Insassen nur, weiterhin den zu erwartenden Rechtsbrüchen gelassen entgegen zu sehen und mit diesen dann in bewährter Weise zu verfahren, denn sollte ein Untergebrachter auf Grund der Rechtsverletzung anders reagieren, zum Beispiel ausfallend oder aggressiv werden, würde dies seitens der Haftanstalt lediglich als Beleg für dessen fortdauernde „extreme Gefährlichkeit“ gewertet werden und die sowieso schon bescheidenen Chancen, jemals lebend entlassen zu werden, noch weiter sinken lassen.

Thomas Meyer-Falk, z. Zt. Justizvollzugsanstalt (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg
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Telefon-Interview Ausgabe Januar mit „Wieviel sind hinter Gittern“

Thomas berichtet dieses mal über eine vertrackte Weihnachtsfeier im Knast und einem überwachten Ausflug in die Freiburger Innenstadt. Auch wird eine Silvester-Grußadresse von ihm verlesen.

http://www.freie-radios.net/86783

Herzliche Grüße aus dem Knast vor dem ihr jetzt gerade steht!

Wieder ist ein Jahr vergangen. Besonders die Repression gegen ‚linksunten‘,die Razzien unter anderem in der KTS und nun auch die Razzien bundesweit im Zusammenhang mit den G20-Kämpfen, werden in Erinnerung bleiben. Und jede und jeder Einzelne welche nun von der staatlichen Repression betroffen sind, brauchen auch unsere Solidarität!

Auch hier im Knast begegnen wir Repression, jeden Tag. Insassen landen in Isohaft, im Bunker. Aber schon das Eingesperrt sein an sich ist auch Repression.

Hier sterben Gefangene oder Sicherungsverwahrte. Manche hängen sich auf, manche Sterben eines sogenannten ’natürlichen Todes‘, das heisst, der Tod ist alltäglicher Begleiter.

Und die Mehrheitsgesellschaft trägt das nicht nur mit, sie fordert Orte wie diesen Knast hier ein.

Umso wertvoller sind Proteste wie jene heute von Euch. Anstatt irgendwo im Warmen zu sitzen und abzufeiern seid ihr hier her gekommen. Ihr setzt der Mehrheitsgesellschaft, der Justiz, dem Staat ein lautes „NEIN! SO NICHT!“ entgegen. Gemeinschaftlich und geschlossen mit uns Gefangenen!

Ich nutze diese Möglichkeit hier auch, um meinen ganz persönlichen Dank jenen zu sagen, die mich besuchen, mir schreiben, mich unterstützen. Aber auch Euch allen, die Ihr gegen das Knastsystem protestiert!

Herzliche und solidarische Grüße an Euch alle. Ebenso an die Betroffenen in den ‚linksunten‘-Verfahren und denen die mit der G20-Repression konfrontiert sind!

Trotz des unwirklichen Ortes, hier mit den hohen Mauern, den hellen Strahlern die nur scheinbar Transparenz schaffen, ist hier drinnen ein Leben wie sonst nirgendwo.

Euch einen lauten, feierstarken Silvesterabend. Vor allem aber ein kämpferisches,aktives und lebendiges Jahr 2018!

Thomas Meyer-Falk
Langzeitgefangener seit 1996

Radiointerview zum Abi-Kurs

Thomas belegt seit 2015 einen Abitur-Kurs und möchte an dieser Stelle eine (kritische) Zwischenbilanz ziehen:

http://www.radioflora.de/contao/index.php/Beitrag/items/interview-mit-dem-gefangenen-thomas-meyer-falk.html