Silvesterdemo vor Freiburger Knast – aus Innenansicht

Am 31.12.2018 gab es wieder eine Anti-Knastdemo vor den grauen Mauern der Freiburger Haftanstalt. Ein paar Insassen hatten sich in einem Freizeitraum der SV-Abteilung vor einem kleinen Radio versammelt, denn das lokale Freie Radio, Radio Dreyeckland, wollte live berichten.

Und tatsächlich, von 18 bis 19 Uhr wurde live gesendet – zum Glück, denn die Abteilung für Sicherungsverwahrung ist im hintersten Winkel gelegen und ohne die Radioübertragung hätte man von den kämpferischenRedebeiträgen und der politischen Live-Musik nicht viel gehört. Aber so konnten wir hier allen Reden, Grußworten und Liedern zuhören. Wie auch dem spontanen Beitrag eines ehemaligen Insassen der sehr anschaulich über die Transportabteilung erzählte, die genau hinter jenem Mauerteil liegt, vor dem nun die Protestveranstaltung stattfand.

Das Feuerwerk kam auch sehr gut an, denn die in den Himmel steigenden Raketen und den Donner konnte man sehen, bzw. hören.

Jene Insassen, mit denen ich sprach, waren begeistert davon, dass es Menschen gibt, die sich für eine Abschaffung von Gefängnissen einsetzen, ja sogar bei Kälte und Nieselregen vor die Mauern und um sie herum ziehen. Von ihnen und auch mir von dieser Stelle aus: die besten Wünsche für 2019, dass ihr nicht müde werdet in eurem Leben dort draußen zu kämpfen für eine bessere Gesellschaft, die eines Tages keine Gefängnisse mehr betreiben wird.

Herzliche und solidarische Grüße

Thomas Meyer-Falk

z.Zt. JVA, Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

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Literaturpreis für Gefangene! Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis 2018

Ende 2018 erschien der nun schon zehnte Sammelband des ‚Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene‘ im Rhein-Mosel-Verlag. Seit rund 30 Jahren gibt es diesen, in der Öffentlichkeit leider noch viel zu wenig bekannten Literaturpreis. Alle drei Jahre werden (Ex-) Gefangene, aber auch Menschen in den Psychiatrien dazu aufgerufen, sich mit einem bestimmten Thema literarisch auseinanderzusetzen. Die Ausschreibung 2017/18 hatte ‚Begegnungen‘ als Leitmotiv für die einzureichenden Beiträge.

Die Einführung 

Auf knapp 200 Seiten werden nun die prämierten Texte dem breiteren Publikum vorgestellt. In das Thema und den Preis einführend kommen jedoch in dem Band zuerst neben dem diesjährigen Schirmherrn Thomas Galli, einem ehemaligen Anstaltsleiter der dem Gefängnis als Beruf den Rücken kehrte, sowie einer der Mitbegründer des Literaturpreises,Prof.Dr.Koch zu Wort und skizzieren die Bedeutung sowie Wirkmacht des Schreibens für eingeschlossene Menschen. Galli formuliert erneut, wie schon zuvor in Interviews und eigenen Publikationen, seine Abrechnung mit dem Gefängniswesen, wenn er davon schreibt, „wer andere zur Strafe inhaftiert, der trennt, spaltet, schafft Gräben, verletzt.“

Prof. Koch beleuchtet das Genre ‚Gefangenenliteratur‘ aus literaturwissenschaftlicher Sicht und beschreibt u.a. anhand eines Textes, jenem des Preisträgers Maelach (S.29-49), dessen gestalterischen und thematischen Strukturen. Besonders auffällig ist für Koch, wie häufig der Suizid in den eingereichten Beiträgen sich als Stichwort finde und kommt zum Ergebnis, vieles von dem was geschildert werde „grenzt (…) an das, was auch als ‚Weiße Folter‘ bezeichnet wird“ (S.21).

15 Autorinnen und Autoren werden präsentiert

Fünfzehn prämierte Autorinnen und Autoren werden textlich vorgestellt, darunter auch schon ein Preisträger früherer Jahre: Helmut Palmer. Sein ebenso bitteres, wie bedrückendes Fazit „nach über 30 Jahren Hafterfahrung und 10 Jahren in einer Irrenanstalt“ lautet kurz und knapp „Traurig aber wahr. Lieber im Gefängnis sterben, als in einer Irrenanstalt leben“ (S.113). Eine Feststellung die viele der tausenden Menschen in Deutschland und darüber hinaus gezwungen sind in solchen Einrichtungen, man scheut es sich fast es so zu nennen, zu „leben“, zustimmen werden.

Krisztina Spielfeld aus der JVA Schwäbisch-Gmünd (S.93/94) beschreibt „Begegnungen, die nie stattfanden“. Ihr gelingt es auf nur zwei Seiten dem Leser eine Begegnung mit der kleinen Krisztina zu vermitteln, die auf den Weihnachtsmann -vergeblich-gewartet hatte, bis hin zu der für sie dann doch beginnenden und sie erschütternden stattfindenden Begegnung mit sich selbst, die sie viel zu lange aufgeschoben hatte.

Es wäre auch über die anderen prämierten Texte noch viel zu notieren, aber ich möchte zum Abschluss noch ein paar Worte zu jenem von J.B. Maeloch (einem Alias-Namen) verlieren, auch deshalb weil ich den Autor persönlich kenne. Wir drückten knapp drei Jahre lang hier in der JVA Freiburg die Schulbank. Auf den zwanzig Seiten seiner Geschichte (das Original ist wesentlich länger) führt uns J.B. durch das Panoptikum des Gefängnislebens ebenso, wie durch sein eigenes Seelenleben, das nämlich wesentlich aufgewühlt wurde durch die Trennung von seiner Partnerin, seiner „großen Liebe“. Mit einer solchen Trennung, eingeschlossen in der Zelle alleine zurecht zu kommen, ihn hat das an seine körperlichen und seelischen Grenzen geführt. J.B. wurde 1990 in Rumänien geboren und kam mit seiner Familie 1994 nach Deutschland. Später folgten Militärdienst und dann die Tat, die ihn für einige Jahre ins Gefängnis führen sollte, eine Zeit in der er „zum ersten Mal Verbrecher kennen“ lernte (S.31). Rückblenden in die Zeit seiner Untersuchungshaft und Gegenwart wechseln sich ab, so wie Anekdoten in welchen ein Asiate alle auf einen „Bong“ einlädt, oder der Pott im Pokerspiel mit „20 Nuss-Schokolade“ heiß war, geradezu glühte (S.32), mit jenen Passagen in denen er sich kritisch mit dem Strafrechtssystem auseinandersetzt. Man kann ihm bei diesen Selbstgesprächen gewissermaßen über die Schulter schauen und verfolgen wie sich seine An- und Einsichten entwickeln. Mittlerweile hat er so sehr Gefallen am Schreiben gewonnen, dass er dieses Talent ausbauen und auch mal ein eigenes Buch veröffentlichen möchte.

Empfehlung

Wer also einen Einblick in das bekommen möchte was die Ausgeschlossenen bewegt, wenn sie über „Begegnungen“nachdenken, nachspüren, etwas das zu den elementaren Erfahrungen und Bedürfnissen eines jeden Menschen zählt, findet hier in dem Sammelband keine endgültige Antwort, aber spannende Perspektiven und vielleicht auch Anregungen selbst einmal den Kontakt zu gefangenen Menschen zu suchen: um am Ende sich möglicherweise sogar zu begegnen!

Bibliografische Daten:

„Begegnungen in der Welt des Widersinns“

Herausgeber: Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene“

200 Seiten

Verlag: Rhein-Mosel-Verlag (Zell/a.d.Mosel)

ISBN: 978-3-89801-408-3

 

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),

Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

Radiointerview vom 01.01.2019

Hier das Radiointerview mit Radio Flora vom 01.01.2019.

Thomas berichtet darüber, was die Feiertage im Knast für Gefangene bedeuten und warum sich so viele Gefangene in Haft umbringen.

https://www.freie-radios.net/92879

Radiointerview vom 24.12.2018

Hier das Radiointerview mit Radio Flora vom 24.12.18.
Demnächst wird das neue Buch „Notizen aus der Sicherungsverwahrung“ erscheinen.

https://www.freie-radios.net/92829

Silvester 2018 im Freiburger Knast – Anti-Knast Demo 31.Dezember

Auch im nun zu Ende gegangenen Jahr sind hier Menschen gestorben, es wurde gelitten, Menschen verletzt, Tränen flossen bei Besuchen, ganz besonders wenn Kinder ihre inhaftierten Väter besuchten.

Trotz allem wurde und wird hier auch gelebt! Sogar gelacht, denn anders wäre der tägliche Irrsinn kaum zu ertragen.

Die Überbelegung im Bereich der Strafhaft nimmt weiter zu; anstatt die Menschen zu entlassen, werden lieber die kleinen Einzelzellen mit zwei Insassen belegt. In der Sicherungsverwahrung nimmt der Belegungsdruck ebenfalls nicht ab; ein Erweiterungsbau ist in Planung!

Der alljährliche Protest vor den Knastmauern ist für die, die hier leben, oder sogar sterben werden müssen, eine wichtige moralische Stütze. Denn so erleben sie lautstark, kämpferisch und lebendig, dass sie nicht vergessen sind!

Für eine Gesellschaft ohne Gefängnisse!

Auf ein kraftvolles Jahr 2019!

 

Thomas Meyer-Falk

zur Zeit JVA Freiburg

 

Grußwort auf der Demo für Mumia

Freiheit wird uns nicht geschenkt werden!

Bald vierzig Jahre wird Mumia Abu Jamal von der US-Justiz gefangen gehalten! Die Todesstrafe wurde ersetzt durch eine lebenslange Internierung. Nur wenn der Protest hiergegen nicht nachlässt, wird Mumia jemals die Möglichkeit bekommen wieder unter uns sein zu können. Nicht nur via Brief oder Tonband, sondern ganz real.

Ich möchte die Möglichkeit dieses Grußwortes aber auch nutzen um auf die Situation hierzulande hinzuweisen. Icke, er stammt aus Berlin, er wurde am 14. September 1962, also vor über 56 Jahren in Moabit eingeliefert. Seitdem sitzt er im Knast. Ja, er hat getötet, zwei Menschen in Berlin erschossen. Das war nie strittig. Aber 56 Jahre??? Zum 50. Haftjahr hatte die taz ihm einen großen Sonderbericht gewidmet, und dennoch wird bis heute die Strafe vollstreckt.

Todesstrafe und lebenslange Freiheitsstrafe sind unmenschlich. Sie müssen abgeschafft werden!

Euch allen eine kraftvolle und kämpferische Veranstaltung.

Thomas Meyer-Falk

-Langzeitgefangener seit 1996-”

„Notizen aus der Sicherungsverwahrung“

Vor wenigen Tagen ist im Duisburger Verlag DIALOG EDITION (https://www.dialog-edition.de/blog/) unter der Rubrik „Neuerscheinungen“ eine Auswahl meiner jüngeren Artikel erschienen, ausgewählt von Jerk Götterwind.

Titel des Buches „Notizen aus der Sicherungsverwahrung“, auf diese Weise einen Einblick in die Randbereiche des Strafsystems und des Justizvollzuges ermöglichend. Parteilich und immer aus Sicht der betroffenen Inhaftierten, dennoch um sachliche Information bemüht, damit sich die LeserInnen selbst eine Meinung bilden können.

 

Thomas Meyer-Falk, z. Zt. JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com