Sexismus in JVA Freiburg?

Angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion über Sexismus möchte ich an dieser Stelle auf den Umgang der Justizvollzugsanstalt Freiburg mit weiblichen Lehrkräften und den inhaftierten Schülern hinweisen.

Was ist passiert?

Zur Zeit besuche ich den Abitur-Kurs in der Gefängnisschule; unsere Klasse wird von an Regel- und beruflichen Gymnasien tätigen LehrerInnen unterrichtet. Kürzlich erzählte mir Peter (alle Namen geändert), als er ausnahmsweise alleine im Unterricht saß, da die Mitschüler krank waren, hätte er mit Frau Schmitt nicht alleine im Klassenzimmer bleiben dürfen. Laut ihr gebe es eine Dienstanweisung, die dies verbiete; so zogen sie um in den Bürotrakt der Schule, um dort auf dem Flur den Unterricht fortzusetzen.

Mein eigenes Erlebnis

Am 9. November, ich war der einzige Schüler der Klasse, der zum Unterricht erschien, passierte mir das, was zuvor Peter widerfuhr. Ich musste mit Frau Friedrich in den Bürotrakt umziehen. Dort trafen wir auf die Leiterin der Gefängnisschule. Auf Befragen gab sie an, diese Regel diene „dem Schutz“ von weiblicher Lehrkraft und auch dem Schüler, um möglichen „Gerüchten“ vorzubeugen, wie es sie in der Vergangenheit wohl schon gegeben habe.

Auf meinen Einwand, sie selbst führe doch auch alleine Gespräche mit Inhaftierten, in ihrem Büro, bei geschlossener Türe, konterte sie mit der Bemerkung, dass dies „etwas anderes“ sei.

Analyse der Praxis der JVA Freiburg

Vorauszuschicken ist, dass das Vorgehen der Anstalt inkonsistent anmutet, denn Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen führen tagtäglich ausgiebige Gespräche mit den Inhaftierten hinter verschlossenen Türen. Möglicherweise handelt es sich also bei weiblichen Lehrkräften um eine besondere Spezies?!

Die Diskriminierung auf Grund des Geschlechts liegt auf der Hand, denn laut Schulleiterin gelte die Dienstanweisung nicht für männliche Lehrkräfte. Diese dürften auch alleine einen Schüler im Klassenzimmer unterrichten.

Meines Erachtens offenbart die Praxis der Haftanstalt ein antiquiertes Geschlechterbild, wonach männlichen Schülern und weiblichen Lehrkräften nicht zugetraut werden kann und darf, unbeobachtet zu lernen, bzw. zu lehren. Selbst wenn es in der Vergangenheit dazu gekommen sein mag, dass in absoluten Einzelfällen sich Lehrkraft und Schüler seelisch und körperlich näher gekommen sein sollten: so what!? In der JVA Offenburg ist genau dies vor einigen Jahren zwischen einer Psychologin und einem Insassen passiert! Wurde deshalb den weiblichen Bediensteten verboten, alleine mit Gefangenen zu sprechen? Selbstverständlich nicht.

Zur Zeit prüft der Anstaltsleiter der JVA Freiburg, ob die Dienstanweisung weiterhin Bestand haben muss oder aufgehoben wird.

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg
Blog: https://freedomforthomas.wordpress.com
Archiv: http://www.freedom-for-thomas.de

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Schulbesuch auf Freiburger Art

In der JVA Freiburg ist das Bildungszentrum der größte „Arbeitgeber“ hinter den Mauern, d.h. in keinem der sonstigen Betriebe (bspw. Schlosserei, Schreinerei, Küche) arbeiten mehr Insassen, als in und für die Schule. Ich selbst bin seit 2015 im Abitur-Kurs und möchte an dieser Stelle eine (kritische) Zwischenbilanz ziehen.

 

Der Abi-Kurs

Im Herbst 2015 startete erstmals in der Anstalt ein Schulkurs, der zur allgemeinen Hochschulreife, im Rahmen der Schulfremdenprüfung führen soll. Zuvor gab es andere Kursangebote, wie das Telekolleg oder das Berufskolleg. Da für die Teilnahme an diesen Kursen jedoch eigentlich eine abgeschlossene Berufsausbildung Voraussetzung war, und diese von immer weniger Gefangenen erfüllt werden konnte, wurde entschieden, auf die Schulfremdenprüfung umzustellen. Was den Vorzug hat, dass dann die allgemeine Hochschulreife erworben wird, und keine Brückenkurse oder sonstige Prüfungen erforderlich werden, wenn Gefangene an der Fern-Universität Hagen im Anschluss studieren möchten.

 

Die Schüler des Abi-Kurses

Wir starteten mit rund 10 Schülern, sogar aus anderen Bundesländern wurden extra für diesen Kurs Gefangene nach Freiburg verlegt, denn das hiesige Bildungszentrum genießt in Vollzugskreisen einen bundesweiten hervorragenden Ruf. Letztlich war ich der einzige Teilnehmer, der direkt hier aus dem Freiburger Vollzug in den Kurs aufgenommen wurde, denn auch die Schüler, die nicht aus anderen Bundesländern hier her kamen, wurden aus anderen Haftanstalten Baden-Württembergs nach Freiburg verlegt.

Unter den Schülern waren, bzw. sind solche mit eher kurzen Strafen, von wenigen Jahren, aber auch Langstrafer mit „lebenslanger“ Strafe, der Altersschnitt dürfte bei unter 30 Jahren liegen, ich mit meinen nunmehr 46 Jahren bin der „Senior“. Einige Mitschüler wurden im Verlaufe der Zeit aus dem Kurs geschmissen, weil sie entweder mit Drogenkonsum auffällig wurden, oder sich sonst, nach Ansicht der JVA, nicht „ordnungsgemäß“ verhalten haben sollen.

 

Die Lehrkräfte

Der Unterricht wird gestaltet von an beruflichen wie auch an allgemeinbildenden Gymnasien Freiburgs und im Umland tätigen Lehrerinnen und Lehrer. Das Deputat, das sie in unserer Klasse unterrichten, wird ihnen auf ihre sonstigen Lehrverpflichtungen angerechnet, d.h. sie werden für ihr jeweiliges Fach in unsere JVA abgeordnet. Sie kommen jeweils direkt aus ihren Schulen zu uns in den Unterricht und kehren danach wieder an diese zurück. Das im Unterschied zu den sonstigen Kursen, welche die JVA anbietet (bspw. Integrationskurse, Hauptschule, Realschule), da dort in der Regel fest in der Anstalt angestellte Lehrkräfte unterrichten.

Im Sommer 2016 wurde, wie ich seinerzeit auf meinem Blog berichtete, unsere Klassenlehrerin aus Sicherheitsgründen aus dem Kurs entlassen; sie durfte sich nicht einmal mehr von uns verabschieden. Da sie uns in Deutsch und Ethik unterrichtet hatte, war das doch ein erheblicher Einschnitt, zumal dann für Monate der Unterricht in Ethik ausfiel. Die Hintergründe für den, ich nenne es mal „Rausschmiss“ wurden uns nie genau mitgeteilt, es hatte wohl mit der legeren, auf zwischenmenschliche Konfliktlösung bedachte Art der Lehrerin zu tun, die damit rasch an die extrem auf Sicherheit und Ordnung bedachte Grenzen und Mauern der Anstalt stieß, welche es u.a. für zwingend notwendig erachtet, jegliche Vorkommnisse sofort der Anstalt zu melden, anstatt sie vor Ort im Gespräch zu lösen. Eine Rolle soll sogar gespielt haben, dass sie „ohne Absprache“ mit der Anstalt zu einem gemeinsamen Essen ein Brettspiel mitgebracht habe, oder aber uns zu Weihnachten CDs mit Musiktiteln, die wir uns zuvor wünschen konnten.

 

Die Fächer

Neben Mathematik, Deutsch, Englisch, Geschichte werden wir in Biologie, Französisch, Ethik und Politik im Rahmen des Vollzeitunterrichts unterrichtet. In den ersten vier genannten Fächern werden wir im April 2018 an genau denselben Tagen wie an allen allgemeinbildenden Gymnasien Baden-Württembergs schriftlich geprüft und in den folgenden Wochen in sämtlichen acht Fächern auch noch mündlich.

 

Konflikte zwischen den Schülern

Wie im richtigen Leben bleiben Konflikte nicht aus, auch nicht hinter Gittern, oder besser gesagt: Gerade dort nicht. Ein Schüler, der aus Bayern hierher kam, wurde nach einiger Zeit Zielscheibe von zwei anderen Schülern, wobei dazu sicher auch dessen etwas akzentuierte Art beitrug. Keiner dieser drei befindet sich übrigens heute noch im Kurs, alle drei haben es „geschafft“, aus dem Kurs abgelöst zu werden, ob wegen Alkoholkonsum, Drogen oder auch, weil am Ende die Prüfungsleistungen zeigten, dass das Abitur eine im Moment noch zu große Baustelle sein würde.

Aktuell ist der Kurs auf fünf Schüler geschrumpft und die Stimmung im Unterricht zwischen den Teilnehmern ist ausgeglichen und freundlich.

 

Konflikte mit der Schulleitung

Nachdem die JVA, wie oben erwähnt, der Klassenlehrerin im Sommer 2016 gekündigt hatte, übernahm die Leiterin des Bildungszentrums höchstselbst die Funktion der Klassenlehrerin, obwohl sie uns in keinem der Fächer unterrichtete. Es kam dann wie es kommen musste, meist besuchte sie unsere Klasse, wenn es unerfreuliches mitzuteilen gab (z.B. weil Unterrichtsfehlzeiten oder das Nichtabarbeiten von Hausaufgaben zu bemängeln waren).

Entsprechend wenig weiter war die Stimmung, wenn sie sich wieder einmal zu einem Besuch angesagt hatte; einmal teilte sie selbst auch wütend mit, ihr graue es, wenn sie wisse, sie müsse wieder in unsere Klasse kommen, denn dort erwarte sie Nörgelei und Kritik, so gehe das nicht weiter. Anlass für ihren Rüffel war die kritische Reaktion von einigen Schülern auf die Anordnung, wonach Schüler während des Unterrichts nur noch klares Wasser trinken dürften, weder selbst mitgebrachten Kaffee, noch Tee. Aber schon Nietzsche wusste, dass in Gegenwart jeder Autorität nicht gedacht werden soll, noch weniger geredet, sondern nur eines, nämlich gehorcht (aus der Vorrede der „Morgenröte“).

Manch ein Schüler war auch empört darüber, dass die Schulleiterin Kleidervorschriften machte (T-Shirts nur mit Ärmel, sowie Hosen mindestens die Knie bedeckend), während sie selbst im Sommer mit Träger-Blusen und Röcken erschien, die oberhalb der Knie endeten. Schüler, die in Träger-Shirts erschienen oder mit zu kurzen Hosen, wurden in ihre Zellen zum umkleiden geschickt und im Wiederholungsfalle wurden disziplinarische Konsequenzen angedroht.

Und seit Herbst 2017 regiert die Schulleiterin nicht mehr nur mit Ankündigungen, sondern greift rigoros durch: Wer seine Hausaufgaben nicht macht, wird mit Disziplinarverfahren überzogen. Mehrere Schüler wurden schon mit Strafen von 25 € belegt. Das nennt sich „Einkaufssperre“, d.h. der für den monatlichen Einkauf zur Verfügung stehende Betrag wird um diese Summe gekürzt und auf ein Sperrkonto eingezahlt, von wo es erst am Tag der Entlassung ausgezahlt wird (d.h. wirklich weg ist das Geld nicht, aber es steht nicht zur Deckung der persönlichen Bedürfnisse im Haftalltag zur Verfügung).

Damit werden die Betroffenen in die Subkultur gedrängt, denn wenn man weiß, dass Gefangenen monatlich mitunter weniger als 100 € zur Verfügung stehen, um sich alle persönlichen Bedürfnisse (nach Duschgel, Essen, TV-Mietgebühr, Kosten für das TV-Programm, hier 5 €/mtl. und so weiter) zu finanzieren, wirkt der Entzug von einem ¼ der Kaufkraft schnell existenzbedrohend. Nicht, dass jemand verhungern müsste, denn von der JVA gibt es drei Mal am Tag das Gefängnisessen, aber alles darum herum muss finanziert werden.

Das ist der pädagogische Stil, mit dem die Anstalt versucht sich nun durchzusetzen; wenn man bedenkt, dass das Abitur, früher auch Reifezeugnis genannt, junge Menschen dazu befähigen soll, selbstständig zu denken, mutet das Vorgehen der Anstalt widersprüchlich an.

Dies gilt auch für die Einstellung der Schulleitung, es sei ein Privileg für die Schüler, an dem Kurs teilnehmen zu dürfen und nicht in einem der Montagebetriebe Akkordarbeit verrichten zu müssen. Denn schon in den 60’ern wurde Bildung in einem Übereinkommen der UNO zum Menschenrecht erklärt, und auch in einem Zusatzprotokoll zur Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte wird Bildung als elementares Menschenrecht eingestuft. Wahrscheinlich dauert es noch, bis diese Rechtslage auch hier in der südbadischen Anstalt wahrgenommen wird.

 

Resümee

Aber trotz solcher Widrigkeiten macht allen Schülern, bei allem Auf und Ab der Stimmungen, die Teilnahme an dem Kurs Freude, gefordert wird das eigene Denken und der Horizont wird erweitert. Seit einem Jahr läuft auch schon parallel ein Vorbereitungskurs-Abitur, in welchem weitere Gefangene auf das Abitur vorbereitet werden. Wenn unser Kurs, an welchem ich teilnehme, 2018 endet, werden diese Inhaftierten ihrerseits in zwei Jahren auf das Abi vorbereitet werden.

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

 

Die Bedeutung des 18.10.1977 für die Gegenwart

Als am 18.Oktober 1977 die Gefangenen aus der RAF in Stuttgart-Stammheim fielen, war es, als würde für eine kurzen Augenblick die Zeit still stehen.

20 Jahre später saß ich selbst, am 18.10.1997 dort in Isolationshaft und mir war, als hauchte mich der Nachhall dessen an, was sich dort zwei Jahrzehnte zuvor abspielte.

Heute, wieder zwanzig Jahre später, stellt sich die Frage der Bedeutung des 18.10.1977 für die Gegenwart.

Das wofür Andreas, Gudrun, Jan und Irmgard, und all die Genossinnen und Genossen kämpften, unter Einsatz ihres Lebens, die Befreiung von Faschismus und Imperialismus ist heute so aktuell wie 1977. Die weltweiten Kämpfen geben davon ein beredtes Zeugnis. Ebenso ihr Kampf für die Würde des internierten Subjekts, namentlich für die Abschaffung der Isolationsbunker, in welchen die Gefangenen physisch und psychisch fertig gemacht wurden (vgl. Hungerstreikerklärungen vom 29.3.1977, und auch jene von 20.04.1979).

Zudem ist die Erinnerung an dem 18.Oktober 1977 wach zu halten, zu fördern, um die Menschen der Gegenwart an ihre Pflicht, Widerstand zu leisten, zu erinnern. Widerstand nicht nur in langen Reden von bequemen Sofa aus, in anonymen Pamphleten via Internet!

Wir sind es, die für ein phantasievolles Leben in Freiheit und Würde streiten und kämpfen!

Wir sind es, die für ein erfülltes Leben kämpfen – für jeden Menschen auf diesen Planeten.

Wir sind es, die eine Ahnung haben von einem Morgen, in welchen die Menschen dieser Erde gleichberechtigt und in Würde werden frei leben können.

Wir sind es, die auf den Versuch hin leben, dabei Umwege gehen, fehlgehen, dabei reich werden an Begegnungen und Erfahrungen.

Dafür lohnt es sich zu leben!

Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Und dafür halten wir die Erinnerung an den 18.10.1977 lebendig!

Thomas Meyer-Falk

– Langzeitgefangener seit 1996-

www.freedomforhomas.wordpress.com

Aus dem Totenhaus des Freiburger Gefängnisses herzliche, solidarische und kämpferische Grüße!

Wir nennen hier das Haus der Sicherungsverwahrung „Totenhaus“ , denn hier scheinen mehr Menschen zu sterben, als lebend die Anstalt zu verlassen.

Anti-Knasttage haben eine ganz eigene Tradition, und auch wenn das „Anti“ im Namen steht, so sind es doch Tage „für“ etwas. Nämlich für Freiheit. Für eine solidarische Gesellschaft die keine Knäste mehr, diese Verwahranstalten benötigt, in welchem das Leid aufbewahrt, zwischengelagert und vielfach auch endgelagert wird.
Ich kenne seit längerem die Strafvollzugsanstalten und seit 2013 nun den Bereich der Sicherungsverwahrung aus eigenem Erleben. Die SV, wie die Sicherungsverwahrung verkürzt genannt wird, wurde mit Gesetz vom 24.11.1933 eingeführt, also zur Zeit des Nationalsozialismus.
Auch wenn seitdem die Fassaden aufgehübscht, die Haftbedingungen eklatant verbessert wurden, heute niemand mehr damit zu rechnen braucht, direkt körperlich umgebracht oder körperlich gefoltert zu werden. Was bleibt, was die Jahrzehnte überdauert hat, das ist die Hoffnungslosigkeit. Die Leere, die viele der Insassen geradezu körperlich ausstrahlen.
Der als „gefährlich“ diagnostizierte und damit gebrandmarkte Mensch wird als Gefahrengut behandelt, wie ein Castor, für die ja nun in Deutschland auch eine Endlagerstätte gesucht werden. Für die Menschen wurde diese schon gefunden, die SV-Anstalten. Größere Zellen, die nun, allen ernstes, „Zimmer“ genannt werden, vier mal im Jahr einen Spaziergang oder Ausflug vor die Knastmauern, wenn auch durch die WärterInnen bewacht. Privatkleidung darf Mensch tragen, und unter dieser Kleidung, auf den Schultern, unsichtbar, die Last der Ungewissheit.
Denn ein zeitliches Ende, sehen wir einmal vom Tod ab, ist nicht vorgesehen. Erst wenn sich Anstaltspersonal, psychiatrische GutachterInnen, Staatsanwaltschaften und auch die Gerichte alle einig sind, das ein(e) Untergebrachte(r) künftig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine strafbewehrten Handlungen mehr begehen wird, erfolgen in langsamen Schritten weitere Vollzugslockerungen, an deren Ende die Freilassung steht. Dieser Prozess nimmt im Idealfall um die fünf bis sieben Jahre in Anspruch, vielfach auch zehn und mehr Jahre, oder wird gar nicht erst begonnen, d.h. die Betroffenen verbleiben dauerhaft im Knast.
Die in diesem Zusammenhang gestellten Prognosen über künftiges Verhalten werden auch von Fachleuten mit „Glaskugel-Leserei“, oder Kaffeesatz-Leserei verglichen , wobei solche Fachleute allerdings dann keine Gutachten erstatten dürfen, der lukrative Markt ist fest in den Händen einiger handvoll Frauen und mehrheitlich Männer die ein hübsches Auskommen mit dem Leid von Menschen haben.
Und so erinnern die Anti-Knast-Tage an den langen Weg, der noch zu gehen ist, an die Kämpfe, die noch ausgefochten werden müssen, aber auch an die zu erlebende Gemeinschaft gleichgesinnter, gleichberechtigter Menschen, die sich einem zutiefst unmenschlichen System entgegenstellen.
Für eine Welt ohne Grenzen und Grenzanlagen!
Für eine Welt ohne Gefängnisse!
Für eine freie Welt!

Thomas Meyer-Falk
– Langzeitgefangener – Freiburg, Oktober 2017

 

Handschellen ablegen und wählen -Sputnik spricht mit deutschem Häftling und Blogger

Sputnik hat mit Thomas Meyer-Falk gesprochen:

https://de.sputniknews.com/panorama/20170905317315831-freie-und-geheime-wahlen-knast/

Keine Abschiebung aus der Sicherungsverwahrung!

In der Sicherungsverwahrung sitzen vereinzelt auch migrantische Gefangene. Heute berichte ich über Herrn K., der sich seit Jahren bemüht in sein Heimatland abgeschoben zu werden.

Wer ist Herr K.?

In einem südeuropäischen Land leben seine Frau, Kinder und übrigen Angehörige. Geboren 1962 befindet er sich seit den 1990’er Jahren in Deutschland. Mehrfach wurde er in der Vergangenheit in sein Geburtsland abgeschoben, kehrte allerdings mehrfach in die Bundesrepublik Deutschland zurück, nicht nur um hier zu leben, sondern er beging auch mehrfach schwere Straftaten.

Die Haftsituation

Schon 2005 bemühte Herr K. sich um die Aufnahme in die Sozialtherapeutische Anstalt Baden-Württembergs, um an sich und seinen Problemen zu arbeiten, aber auch um die Sozialprognose, die entscheidend ist für eine Haftentlassung, zu verbessern. Mit Verfügung vom 04.01.2006 lehnte die Justizvollzugsanstalt Freiburg, vertreten durch Oberregierungsrat Herr R. eine solche Therapie ab, unter anderem mit dem Hinweis, bei Herrn K. sei eine Abschiebung in dessen Heimatland zu erwarten, weshalb „ausländische Bewerber (…) zu recht“ keine Aufnahme in dieser Einrichtung fänden.

Jahre später in der Sicherungsverwahrung angelangt, wurde ihm vorgeworfen, sich keine Therapie unterzogen zu haben, einer Therapie die ihm schon 2006 mit explizitem Hinweis auf sein „Nicht-Deutsch-Sein“, verweigert wurde.

Die Verfügung der Generalstaatsanwaltschaft

Mit Verfügung vom 16.08.2017 (Az.2Zs 402/17) lehnte die Generalstaatsanwaltschaft Zweibrücken es ab, von § 456 a Strafprozessordnung Gebrauch zu machen, d.h. von der weiteren Vollstreckung der SV abzusehen, im Falle der rechtskräftigen Ausweisung.
Herr K. leide an mangelnder Impulskontrolle und verfüge keineswegs über tragfähige Beziehungen zu seiner Familie (Besuche und Telefonate würden nicht ins Gewicht fallen). Zudem drohten von Herrn K. „Eigentumsdelikte wie Wohnungseinbrüche“, es handele sich bei ihm um einen „hochgefährlichen (…) Straftäter“, zu schützen sei nicht nur die bundesdeutsche, sondern auch die Bevölkerung in dessen Heimatland . Da er 1994, 1995 und 1998 jeweils in der BRD „illegal“ zurückgereist sei, wäre zu erwarten, er würde dies auch künftig so handhaben, so die Prognose der Behörde.

Das OLG Bamberg

In einem vergleichbaren Fall urteilte das OLG Bamberg (Az 1 VAs 8/15) mit Beschluss vom 16.03.2016, für einen ausländischen Gefangenen bestehe geradezu ein Anspruch auf Absehen von der weiteren Vollstreckung; der Schutz der Bevölkerung in dem Heimatstaat sei rechtlich irrelevant.  Das Gericht räumt ein, dass die von ihm vertretene Rechtsauffassung dazu führen könnte, dass bei ausländischen Gefangenen die SV faktisch nicht mehr werde vollstreckt werden können.
Der von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angerufene Bundesgerichtshof wies die Beschwerde der Behörde gegen den Beschluss zurück (Az. 5 AR (Vs) 38/15, Beschluss vom 16.03.2016).

Ausblick für Herrn K.

Seit Herr K. von den Entscheidungen des BGH und des OLG Bamberg hörte, schöpfte er neue Hoffnung, denn sein vordringlichster Wunsch ist es, zurück in seine Heimat zu gelangen, zu seiner Familie und vor allem in Freiheit. Der Haftalltag ist ansonsten von Perspektivlosigkeit geprägt, wie bei so vielen Freiburger Sicherungsverwahrten, von welchen ich in den letzten Jahren berichtet habe. Mit viel Ausdauer und Können widmet Herr K. sich der Bepflanzung der Gartenfelder im Gefängnishof der SV-Anstalt, züchtet Tomaten, Beeren und sonstiges Gemüse, mit großem Erfolg.

Sein anwaltlicher Vertreter, der Löffinger RA Prof.Dr.Behnke hat nun am 16.August 2017 beim OLG Zweibrücken beantragt die Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft Zweibrücken aufzuheben und von der weiteren Vollstreckung der SV abzusehen.

Es mutet skurril an, in Zeiten in denen sich PolitikerInnen sich in ihren Forderungen nach Abschiebung von „kriminellen“ MigrantInnen gegenseitig  zu überbieten suchen, kämpft seit Jahren Herr K. vergeblich darum, endlich gehen zu dürfen. Er ist rechtskräftig ausgewiesen, er hat kein Aufenthaltsrecht, er möchte auch nicht aus sonstigen Gründen in Deutschland bleiben.

Herr K. möchte lediglich – endlich – nach 12 Jahren Freiheitsstrafe und vielen Jahren SV in seine Heimat zurück!

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),
Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

Radio-Interview zu 21 Jahren Haft

in der September-Ausgabe von radio Flora gibt es ein Radio-Interview mit Thomas:

„Seit rund 21 Jahren befindet sich Thomas in Haft, davon elf Jahre in Isolation und vier Jahre in der Sicherungsverwahrung. Wir versuchen eine Bilanz dieser Zeit zu ziehen. Ebenso wird ein Text von Thomas zum Verbot von „linksunten“ verlesen“.

http://www.radioflora.de/contao/index.php/Beitrag/items/radio-interview-mit-dem-gefangenen-thomas-meyer-falk.html