Radiointerview zu vorweihnachtlichem Stress in JVA Freiburg

Hier das Interview mit Thomas vom Februar. Er berichtet u.a. vom „vorweihnachtlichen Stress“ im vergangenen Jahr und über die Solidarität zu und mit anderen Gefangenen.

https://www.freie-radios.net/93623

Werbeanzeigen

Solidarität

Zuerst erschienen in: Bruchstellen, Nr. 42, Österreich

„Solidarität ist eine Waffe“, so das Motto der zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Zeilen noch nicht verbotenen Roten Hilfe e.V. in Deutschland, auch wenn deutsche Repressionsbehörden, so man Berichten in der taz und FAZ Glauben schenken mag, eifrig an einem etwaigen Verbot arbeiten.

Solidarität ist jedoch nicht nur eine Waffe, sie ist mehr, viel mehr: sie bedeutet, an der Seite von Menschen zu stehen, mit ihnen zusammen, auch wenn der Wind in Orkanstärke von vorne ins Gesicht bläst, wenn das Tränengas einen fast kotzen lässt, das die Polizei mal wieder versprüht. Solidarität meint, Menschen zu stützen, wenn sie bedrängt werden, sich vor, hinter und an ihre Seite zu stellen.

Solidarität ist lebendiges, lebensbejahendes Leben; nicht das isolierte Individuum das sich selbst überlassen bleibt und vom Kahn hinunter ins tosende Meer gestoßen wird um zu ersaufen, sondern gemeinsam an einer neuen Zukunft zu arbeiten. Denn das ist Solidarität gleichfalls: Arbeit! Sie ist anstrengend, fordernd, kräftezehrend – und genau dies, und all das zusammen kann sie so befriedigend und erfüllend machen.

Wie ist es nun um die Gefangenensolidarität bestellt? Wenn ich auf die letzten 20 Jahre zurückschaue, also sehr subjektiv gefärbt, dann beobachte ich eine Wellenbewegung. Auf ein Tal folgt eine Anhöhe und dieser wieder ein Tal. In den 90er und 2000er Jahren begannen sich zunehmend wieder Anti-Knastgruppen zu bilden, nach anarchistischen Grundsätzen. Ich denke nicht nur an ABC, sondern auch an LOM (Libertad o muerte), die Anti-Knast-Gruppe Bielefeld und viele andere Gruppierungen. Heute sind neben (mittlerweile wieder sehr wenigen) ABC-Gruppen, dem „gefangenen-info“-Projekt, der Gefangenengewerkschaft GG/BO, Roter Hilfe im deutschsprachigen Raum nur wenige sonstige Gruppen aktiv. Und selbst die namentlich hier aufgezählten leiden in der Regel an personellem Schwund.

Die Bereitschaft sich zu engagieren scheint zudem mit zunehmendem Alter zu schwinden, wer noch mit 18, 20, 25 sehr aktiv ist, kehrt oft mit 30 oder 35 ins bürgerliche Leben ein und zieht sich von emanzipatorischen Bewegungen zurück (das betrifft selbstredend nicht alle).

Misslich aus Gefangenensicht: Immer weniger Menschen sind bereit sich offen zu bekennen, schreiben nur noch anonym, oder unter Pseudonym, wenn überhaupt! Dabei ist gerade Post der elementare Lebensfaden für die Gefangenen, die sie mit dem Leben vor den Mauern in Verbindung hält.

Selbst jene, die in politischen Zusammenhängenden aktiv sind, scheuen sich Gefangene zu besuchen, denn dort könnte ja die Justiz ihre Personalien abgreifen und Mensch wäre fürs Leben gebrandmarkt. Eine im Regelfall überflüssige Sorge; im Regelfall deshalb, weil wer später mal im Staatsdienst arbeiten möchte durchaus in Einzelfällen Gefahr laufen kann, dass so ein Besuchskontakt in irgendeiner VS-Datei landet und hervorgezaubert wird. Das sind aber Einzelfälle.

Aber auch ganz handfeste materielle Hilfe unterliegt diesen Wellenbewegungen; oder auch die Proteste vor den Knastmauern. Zwar gibt es erfreulicherweise immer regelmäßiger die Knastdemos an Silvester aber eben fast nur an Silvester. Quasi der „Muttertag“ der Linken, wenn ich es mal böse formulieren mag, mensch erinnert sich und andere daran, dass da doch irgendwas ist, um dann 364 Tage des Restjahres wieder in Schweigen zu verfallen.

Ähnliches bekomme ich immer wieder auch von jenen rückgemeldet, welche sich selbst seit Jahren aktiv in Anti-Knastgruppen einbringen, oder auch resigniert aufgeben und sich ins Private zurückziehen. Mitunter hängen Projekte an einem oder an zwei Menschen; spontan fällt mir die Sendung des Knastradios auf Radio Flora, moderiert von Wolfgang, ein: er ist über 60 Jahre und seit den 70ern Aktivist, wenn er mal nicht mehr unter uns weilen sollte, wird’s schwer. Oder hier in Freiburg: die Soligruppe der GG/BO war zu Anfang voller Elan, um dann alsbald sich in alle Winde zu zerstreuen. Diese Extreme, hier die Langlebigkeit, dort das Aufflackern, bestimmen die Soliarbeit; wobei letztere besonders frustrieren.

Trotz allem gilt es beharrlich zu sein, jene die sich vor den Mauern solidarisch verhalten und auch hinter Gittern; Durststrecken müssen ausgesessen werden, denn von bloßem Jammern wird’s auch nicht besser.

Solidarität heißt Leben!

In diesem Sinne

Thomas Meyer-Falk

– in Haft seit 1996 –

https://freedomforthomas.wordpress.com

Renitenz der JVA Freiburg im Umgang mit einem Kranken

Der folgend näher geschilderte Fall von Herrn H. beschreibt sein nun bald zwei Jahre andauerndes Vorgehen gegen die JVA Freiburg, um endlich mit medizinischem Cannabis versorgt zu werden. Das zuständige Gericht hat nun zum dritten Mal gegen die Anstalt entschieden

Ich will endlich meine Medizin

Der 41-jährige Sicherungsverwahrte leidet an ADHS, dem sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom und wurde bis 2018 mit einem für erwachsene gedachten Ritalin-Produkt behandelt. Weil dieses zu Nebenwirkungen führt, u.a. Verlust des Hungergefühls, beantragte er 2017 die Verordnung von medizinischem Cannabis.

Die wurde lapidar abgelehnt, ohne Untersuchung und ohne dezidierte Begründung. Einige Monate später hob das LG Freiburg (Az.:13 StVK 304/17) mit Beschluss vom 23.01.2018 diese Entscheidung auf. Aber auch die nächste Verfügung der Anstalt fiel nicht günstig aus, aber auch diesmal verzichtete man auf eine ausführliche Begründung. Und so hob das LG am 08.05.2018 (Az.:13 StVK 148/18) selbige Verfügung auf, schon ein wenig genervt von der Renitenz der Anstalt.

Der Beschluss vom 17.01.2019

Auch im dritten Anlauf fiel der Anstalt nichts ein, was man nur halbwegs eine sachliche Begründung nennen könnte. Lapidar hieß es, Cannabis-Produkte seien nur bei Multipler Sklerose zugelassen, es sei „sicherlich nicht im Sinne der deutschen Justiz (…), Gefängnisinsassen (…) außerhalb einer regulären Zulassung zu Versuchszwecken“ ein Medikament zu Verabreichen. Mit Beschluss vom 17.01.2019 (Az.:13 StVK 242/18) hob das Gericht auch diese Entscheidung der JVA auf.

Dabei nahm das Gericht Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung auf und ließ sich bestätigen, dass gerade auch bei ADHS durchaus Cannabis-Medizinprodukte verordnungsfähig seien. Und so erklärte der Richter dem Anstaltsleiter zum dritten Mal, wie eine Prüfung des Antrags auf Verordnung zu bearbeiten und wie er zu bescheiden sei.

Zur Renitenz

Es waren Prof. Feest (Bremen) und Richter am OLG Lesting, die schon in den 80’er Jahren von „renitenten Vollzugsbehörden“ schrieben, also jenen Haftanstalten die ihr Bestes geben, um gerichtliche Entscheidungen nicht befolgen zu müssen. In einem Aufsatz von 2009 (in: Festschrift für Ulrich Eisenberg zum 70.Geburtstag, S.675-690) griffen die beiden Rechtswissenschaftler das Thema erneut auf: ‚Zur Wiederkehr des Themas der renitenten Strafvollzugsbehörde‘. Dort beschrieben sie diverse Fälle aus der Praxis, in welchen Haftanstalten, mitunter ganz offen, sich weigerten Gerichtsentscheidungen zu befolgen.

Für Insider, insbesondere Inhaftierte und mitunter auch deren Angehörigen oder AnwältInnen ist das kein außergewöhnliches Phänomen. Vorliegendes Verfahren ist ein weiterer Beleg. Gerichte geben ganz eindeutige Vorgaben wie zu prüfen sei – und die Anstalt ignoriert es schlicht. Würden Jura-StudentInnen in Klausuren solche ‚Leistungen‘ an der Universität abliefern, sie würden durch die Examina fallen, aber einmal in Lohn und Brot gelangt und Beamter/in geworden, lässt Mensch sich von Vielem beeindrucken, aber nicht von einer Gerichtsentscheidung. Auch nicht von deren zwei – ob nun die dritte Entscheidung etwas bewirkt, das steht in den Sternen.

Zur Lektüre ist der anonymisierte Beschluss als PDF angefügt:

https://de.indymedia.org/sites/default/files/2019/02/Beschluss.pdf

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. JVA (SV), Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

https://www.freedom-for-thomas.de

Vorweihnachtlicher Stress in JVA Freiburg

Warum auch immer, so gilt die (Vor-) Weihnachtszeit als eine besondere, auch hinter den Gefängnismauern. Die Woche vor dem 24. Dezember 2018 wurde dann aber doch zu einer außergewöhnlichen. Von zerschnittenem Zeigefinger, über eine demolierte Tanne, bis hin zu einem versuchten Angriff mit einer Schere reichen die Ereignisse der Freiburger Sicherungsverwahrung (SV)

Die Zellenschlösser werden gewechselt

Als 2013 die SV-Abteilung der JVA Freiburg eröffnet wurde, bemängelten schon frühzeitig Insassen, dass es keine Möglichkeit gebe sich zurückzuziehen, da jederzeit die Zellentüren auch von Mitverwahrten geöffnet werden könnten. Es kam dann auch in der Folge zu Übergriffen in Hafträumen. Der Landtag von Baden-Württemberg regte im Frühjahr 2014 an, man möge die Zellenschlösser modifizieren, so dass sie von außen nur durch Beamte geöffnet werden könnten.

Es brauchte Jahre und diverse Anläufe, Probeläufe sowie eine Sicherstellung der Finanzierung bis Mitte Dezember 2018 dann tatsächlich der Umbau in Angriff genommen werden konnte. Die alten Schlösser werden ausgebaut und Zylinderschlösser eingebaut die über einen Schnappmechanismus verfügen. Fällt die Türe ins Schloss, kann sie der Insasse von innen durch einen konisch zulaufenden Drehknauf öffnen und von der Flurseite nur ein Beamter mit seinem Schlüssel.

Allerdings verfügte die Anstalt zugleich, dass damit die Möglichkeit entfalle sich vor 22 Uhr durch Beamte in der Zelle einschließen zu lassen. Insassen lassen sich freiwillig wegschließen? Das klingt auf den ersten Blick absonderlich, aber wenn man weiß, dass es in der JVA mehrfach am Tag Standzählungen und auch Lebendkontrollen gibt, mag es vielleicht nicht mehr ganz so ungewöhnlich anmuten.

Nicht wenige Insassen legen sich untertags mal hin, oder gehen abends früh zu Bett. Wenn dann um 17 Uhr und 22 Uhr die Beamten in die Zellen schauen, sich davon überzeugen ob auch der richtige Insasse in der für ihn bestimmten Zelle und auch quicklebendig ist, werden manche unsanft geweckt. Zumal das Sozialverhalten der Bediensteten auch ganz unterschiedlich ausfällt: es gibt jene die behutsam und leise die Türe öffnen, andere klatschen den Schlüsselbund mit Schwung gegen die Türe oder klopfen so lange gegen den Türgriff, bis selbst ein schon Toter wohl wieder zum Leben erwachen würde.

Wer aber schon vor 22 Uhr sich hatte von den Beamten wegschließen lassen, der war für den Rest des Tages von diesen Kontrollen verschont, denn da er in seiner Zelle eingeschlossen war, bestand kein Bedarf mehr die Anwesenheit zu kontrollieren. Er konnte sich also hinlegen, oder auch ausziehen und wurde nicht mehr gestört. Nach Jahren, ja Jahrzehnten in Haft kennt man nahezu alle Geschichten der Mitbewohner und ist froh wenn man seine Ruhe hat.

Diese Neuregelung führte allerdings schon in den ersten Tagen zu erheblichem Unmut. Insassen drohten, Beamte Kaffeekannen nachzuwerfen (und dafür kamen dann lieber drei Beamte zum nächtlichen Generaleinschluss als nur ein einziger). Beim Landgericht Freiburg gingen zudem diverse Klageschriften gegen den Anstaltsleiter bei der für solche Anträge zuständigen 13. Strafvollstreckungskammer ein. Andere Insassen legen sich nun nicht mehr vor 22 Uhr hin, da sie zwangsläufig geweckt werden, entsprechend unruhig und übermüdet sind sie.

Manche Insassen sprechen von einem Verstoß gegen das Misshandlungsverbot von Art. 3 Europäische Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Art. 104 Grundgesetz, da es defacto auf Schlafentzug hinauslaufe was die Justizvollzugsanstalt hier praktiziere. Eine typische Methode die manchen vielleicht noch aus der Berichterstattung über Guantanamo erinnerlich ist, die Menschen gefügig machen soll.

Für Unmut bis Heiterkeit sorgte die Begründung der SV-Anstalt, wonach diese Neuregelung die Autonomie der Verwahrten stärken solle! Wahrscheinlich muss man Sozialpädagogik, so wie der Vollzugsleiter G., oder Psychologie, wie die therapeutische Leiterin Frau Dr. S. studiert haben, um sich solch eine Begründung einfallen zu lassen.

Der erste Verletzte in Folge der Neuregelung

Shorty leidet an ADHS und ist froh wenn er überhaupt mal schlafen kann und so legte er sich nachmittags hin; gegen 17 Uhr wurde er unsanft geweckt (er durfte sich ja nach Einbau des neuen Schließmechanismus nicht mehr vor 22 Uhr wegschließen lassen). Er fing an innerlich zu kochen, weil endlich mal eingeschlafen er prompt von dem Beamten geweckt worden war. Er packte seine Kaffeetasse, ging den Flur hinauf in Richtung Stationsküche. Dort angelangt war er innerlich mittlerweile derart aufgewühlt, zornig darüber geweckt worden zu sein, dass er aus lauter Wut die Tasse gegen den Türrahmen der Küche knallte.

Die Tasse zerbrach und, da er sie nicht rechtzeitig losgelassen hatte, zerschnitt sie ihm den Zeigefinger; die Wunde geriet so tief, dass er nach der Erstversorgung durch den Anstaltssanitäter in den Abendstunden noch ins Krankenhaus ausgeführt werden musste um genäht zu werden.

Schon erwähnter Sozialpädagoge G. reagierte bei einer Anhörung von Shorty nach dessen Aussage leicht beleidigt darüber, dass es überhaupt Insassen gebe, die sich gegen den Zwangssaufschluss der Zellen beschweren. Jedenfalls muss Shorty nun das Malern des Türrahmens bezahlen, denn der Lack des Rahmens war leicht beschädigt. Round about 50 € fallen laut Malerei dafür an.

Die unschuldige Weihnachtstanne

Keine drei Tage später musste auf einer der vier SV-Stationen die Tanne daran glauben. Vor dem Stationsbüro stand sie: stolz und adrett geschmückt. Dazu noch eine leuchtende Lichterkette die funkelnd ihr Licht in den Flur entließ.

Ein Insasse dessen Zelle vom Stationsbeamten kontrolliert werden sollte und zwar genau jetzt, nicht etwa später, dieser Sicherungsverwahrte, er ging dann doch auf den Flur, denn bei den Zellenkontrollen darf man nicht dabei sein. Erst riss der nun doch recht wütende Insasse eine Christbaumkugel von der Tanne, wollte sie auf dem Boden zerdeppern, was scheiterte, war sie doch aus Plastik und hüpfte nur. Behutsam hob er sie auf, befestigte sie sorgfältig wieder an der Tanne, nur um dann die Lichterkette schreiend von der Wand zu reißen: „Brandgefahr! Brandgefahr!“ und sich nun erneut der Tanne zuzuwenden. Erst um sie umzutreten und dann auf sie einzutreten. Am Schluss war sie nicht gänzlich demoliert, aber musste ohne Baumspitze auskommen. Die Beamten führten ihn ab.

Den Rest des Tages verbrachte er in einer leeren Zelle auf einer anderen Station. Also Folge der Missetat mit Lichterkette und Baum wird er nun stets am späten Nachmittag unter Verschluss genommen, eine sogenannte „besondere Sicherungsmaßnahme“, außerdem hat er „Umschluss-Sperre“, darf also nicht mehr auf den anderen drei Stationen Insassen besuchen gehen.

Eine Bastelschere kommt zum Einsatz

Immer mal wieder berichtete ich über einen Langzeitverwahrten, 56 Jahre alt, nunmehr schon an die 16 Jahre in der Sicherungsverwahrung sitzend, und das obwohl er ein sogenannter „Altfall“ ist, d.h. zum Zeitpunkt seiner Verurteilung galt als Obergrenze für die SV 10 Jahre – erst 1998 wurde diese Obergrenze faktisch abgeschafft, und das auch rückwirkend für gerichtlich schon längst verurteilte Menschen.

Alle neun Monate wird die Fortdauer der SV gerichtlich geprüft, inklusive eines Sachverständigengutachtens, das ist so vorgesehen für Insassen die 10 Jahre oder länger in der SV festgehalten werden. Ein Kriminologe begutachtete Friedrich (Name geändert) in den letzten Jahren und kam zuletzt zu dem Ergebnis, dass eher keine schweren Sexualtaten zu erwarten seien, allerdings würden schwere Aggressionsdurchbrüche beispielsweise für den Fall, dass er in einer Straßenbahn angepöbelt und gekränkt werden würde, drohen. Dem folgte das Landgericht anschließend an eine mündliche Anhörung in seinem die Fortdauer der SV anordnenden Beschluss.

Das von Friedrich angerufene Oberlandesgericht, vor dem er seine Freilassung erstreiten wollte, schickte einen recht ernüchternden Beschluss zurück: ja, es seien schwere Gewalttaten zu erwarten, aber eben auch Sexualtaten. Insofern sei nämlich das Landgericht dem Gutachter viel zu unkritisch gefolgt und die optimistische Ansicht des Gutachters teile man ganz und gar nicht. Der Verwahrte befinde sich, nach nun vier Jahren Einzelgesprächen mit der therapeutischen Leiterin der Einrichtung, erst am Anfang eines langjährigen therapeutischen Prozesses.

Der Beschluss traf Friedrich hart; mitunter ging er schreiend über den Flur: „Dead man walking. Dead man walking!!!“, den Ruf von US-Schließern aufgreifend, der früher durch die Gänge der Todestrakte schallte, wenn ein Todeskandidat aus der Zelle geholt wurde. Er würde nun hier sterben, sagte er und verlangte nach Zyankali.

Eines Morgens war seine Anspannung mit Händen zu greifen, er ging zum Büro, fragte nach seinem Diabetikerfrühstück, er erhalte das seit 2012 immer schon um die jetzige Uhrzeit. Der Beamte erklärte ihm, nein, es komme immer erst um kurz nach 8 Uhr, schon seit Jahren, man schreibe zudem 2018 und nicht mehr 2012. Nein!! Er wolle jetzt sein Frühstück schrie Friedrich und zog von dannen.

Dabei kam es dann auf dem Flur zum Streit mit dem Stationsreiniger, einem Mitverwahrten, einen Kopf größer, mindestens 30 kg schwerer und zwanzig Jahre jünger als Friedrich. Da stand er dann, hochroter Kopf, beschimpfte den Reiniger, auch unter Verwendung rassistischen Vokabulars. Der Stationsbeamte, Hauptsekretär L., schrie nicht minder laut: „Friedl, hör‘ uff! Friedl, lass den Scheiß!“, denn der bewegte sich drohend auf den Reiniger zu. Dann muss er kehrt gemacht haben, ging kurz in seine nur wenige Meter entfernte Zelle, kehrte zurück und der Reiniger sah, wie aus dem Ärmel eine Schere hervor glitt. Als Friedrich zum Stoß ansetzte, dann aber inne hielt, nahm ihm schon der Stationsreiniger die Bastelschere ab. Allerdings hatte L. längst Alarm ausgelöst und so kamen mehrere Beamten angerannt, nahmen Friedrich mit in den Keller, in den dort gelegenen Bunker, wo mensch nur mit einem Höschen aus leicht reißendem Stoff bekleidet in einer kahlen Zelle herum sitzt, ein Loch im Boden als Toilette, die Spülung kann nur von Beamten bedient werden, und von einer Kamera überwacht. Dazu noch eine Matratze und eine Wolldecke. Stündliche Lebendkontrolle durch eine Luke und Dauerlicht!

Am Folgetag wurde er vom Bunker in den Sicherheitstrakt der Strafanstalt verlegt, wo er drei Wochen in Einzelhaft saß. Dabei war er noch Minuten vor dem ganzen Theater guter Stimmung, denn das Landgericht Freiburg hatte ihm wunschgemäß eine Kapazität auf dem Gebiet des Strafvollstreckungsrechts als Pflichtverteidiger beigeordnet: Professor Dr. Pollähne aus Bremen. Sein vorheriger Pflichtverteidiger hatte so gut wie nichts gemacht, nicht einmal seinen Mandanten vor der letzten Anhörung besucht.

Nach diesem Vorfall, der sich geradezu wie die punktgenaue Umsetzung der Befürchtungen des letzten Sachverständigen liest, so als hätte Friedrich dies als drehbuchartige Vorlage verwandt, dürfte sich die Frage einer etwaigen Entlassung aus der Sicherungsverwahrung möglicherweise auf Jahre hinaus erledigt haben.

Nachtrag: Einige Insassen die Friedrich immer wieder mit Tabak oder Kaffee aushalfen, wenn er klagte er habe nichts mehr oder nur noch ein paar Krümel, sind mittlerweile recht sauer auf ihn. Denn im Zuge dessen Verlegung in den Sicherheitstrakt konnte er sich von Beamten dringend benötigte Sachen aus seiner Zelle holen lassen. Nicht schlecht wurde gestaunt, als man dort dann zig gut gefüllte Tabakdosen und beutelweise löslichen Kaffee vorfand.

Und der Reiniger? Immer wieder erzählte er, sichtlich stolz, in der Folgezeit, wie er wagemutig Friedrich die stumpfe Bastelschere entwunden habe und was alles hätte passieren können; erst als er gegenüber der therapeutischen Leiterin, Frau Dr. S. dick auftrug und von der extremen Gefährlichkeit Friedrichs daherredete und ihn dann Shorty deshalb als „bösen Menschen“ bezeichnete, der einen Insassen der doch eh schon im Bunker säße noch tiefer in die Scheiße reite, nahm er sich ein wenig zurück.

Resümee

Auch wenn die SV-Abteilung immer wieder als Totenhaus bezeichnet wird, weil dort eher gestorben als entlassen werde, wie ein geflügeltes Wort Friedrichs lautet, ist dort manchmal ein geradezu erstaunliches Leben anzutreffen. Nicht wirklich zielführend oder lebensbejahend, denn wie wir gesehen haben sind die Folgen für alle oben genannten Beteiligten letztlich schädlich; aber immerhin, die Herzen sie schlagen noch. Wer sich die Mühe macht hinter die Oberfläche der Ereignisse zu blicken wird zudem nicht umhin kommen zu bemerken, dass Justiz­ und Vollzugssystem eine Mitverantwortung tragen. Bekanntlich war es die Anstalt die den Zelleneinschluss neu regelte, es war zudem ein Beamter der unsanft einen Insassen weckte, es war ferner ein weiterer Beamter der unbedingt „jetzt!“ die Zelle kontrollieren wollte und es waren die Richterinnen und Richter der Gerichte die einem Insassen die Hoffnung auf absehbare Freilassung nahmen. Dies alles auszublenden und die Schuld einzig den beteiligten Insassen aufzuladen wäre allzu billig.

Wer Menschen nicht etwa bloß über Jahre, sondern Jahrzehnte einem lebensfeindlichen System aussetzt (vgl. meine Beiträge über Gefängnisse als „nekrophile Orte“), das eben nicht darauf gerichtet ist ein Netz neuer belebender Beziehungen zu knüpfen, die Liebe zum Leben, zur Freiheit und allen mit ihr untrennbar verbundenen belebenden, auf seelisches Wachstum gerichteten Möglichkeiten behutsam auszubauen oder überhaupt erst zu entwickeln, sondern durchdrungen ist von lebensfeindlichen kleinlichen Regularien und Regeln, Zwangs-, Disziplinar- und Sicherungsmaßnahmen, jederzeitigen Kontrollen, steter Überwachung, allgegenwärtiger Herrschaft selbst über die Schlafenszeiten und Möglichkeiten des Rückzugs, kann nicht ernsthaft überrascht sein, wenn Menschen dann dysfunktional agieren, innerhalb ihres erlernten Verhaltensrepertoires, das letztlich nahtlos anknüpft an das lebensfeindliche, nekrophile System in welchem sie seit Jahrzehnten leben.

Thomas Meyer-Falk, z. Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),
Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

https://www.freedom-for-thomas.de

Grußwort zur Demo Januar 2019 in Freiburg gegen das Polizeiaufgabengesetz

Die Ausweitung des Polizeiaufgabengesetzes wird auch hinter Knastmauern
mit Sorge und mit Zorn verfolgt. Bundesweit verschärfen die Länder die
einschlägigen Bestimmungen, um so für künftige Revolten und Aufstände
noch besser gerüstet zu sein. Noch leichter die Aufstandsbekämpfung in
den Schein des Legitimen rücken zu können. Dabei wird ja in den
Gefängnissen längst das ausgetestet und angewandt was letztlich über das
PAG für alle Menschen in diesem Land gelten soll. Rund-um-überwachung,
jederzeit videogefilmt und so zur Auswertung verfügbar, Postkontrolle,
Telefonüberwachung. All das gibt es so heute schon in unseren Knästen!

Um so wichtiger ist es, dass der Widerstandsgeist wie er beispielweise
damals, als in Wyhl das AKW gebaut werden sollte wiederbelebt wird und
kraftvoll, mit Mut und Entschlossenheit gegen das PAG gekämpft wird.

Herzliche und solidarische Grüße hier aus dem Freiburger Gefängnis
Thomas Meyer-Falk

Silvesterdemo vor Freiburger Knast – aus Innenansicht

Am 31.12.2018 gab es wieder eine Anti-Knastdemo vor den grauen Mauern der Freiburger Haftanstalt. Ein paar Insassen hatten sich in einem Freizeitraum der SV-Abteilung vor einem kleinen Radio versammelt, denn das lokale Freie Radio, Radio Dreyeckland, wollte live berichten.

Und tatsächlich, von 18 bis 19 Uhr wurde live gesendet – zum Glück, denn die Abteilung für Sicherungsverwahrung ist im hintersten Winkel gelegen und ohne die Radioübertragung hätte man von den kämpferischenRedebeiträgen und der politischen Live-Musik nicht viel gehört. Aber so konnten wir hier allen Reden, Grußworten und Liedern zuhören. Wie auch dem spontanen Beitrag eines ehemaligen Insassen der sehr anschaulich über die Transportabteilung erzählte, die genau hinter jenem Mauerteil liegt, vor dem nun die Protestveranstaltung stattfand.

Das Feuerwerk kam auch sehr gut an, denn die in den Himmel steigenden Raketen und den Donner konnte man sehen, bzw. hören.

Jene Insassen, mit denen ich sprach, waren begeistert davon, dass es Menschen gibt, die sich für eine Abschaffung von Gefängnissen einsetzen, ja sogar bei Kälte und Nieselregen vor die Mauern und um sie herum ziehen. Von ihnen und auch mir von dieser Stelle aus: die besten Wünsche für 2019, dass ihr nicht müde werdet in eurem Leben dort draußen zu kämpfen für eine bessere Gesellschaft, die eines Tages keine Gefängnisse mehr betreiben wird.

Herzliche und solidarische Grüße

Thomas Meyer-Falk

z.Zt. JVA, Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

Literaturpreis für Gefangene! Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis 2018

Ende 2018 erschien der nun schon zehnte Sammelband des ‚Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene‘ im Rhein-Mosel-Verlag. Seit rund 30 Jahren gibt es diesen, in der Öffentlichkeit leider noch viel zu wenig bekannten Literaturpreis. Alle drei Jahre werden (Ex-) Gefangene, aber auch Menschen in den Psychiatrien dazu aufgerufen, sich mit einem bestimmten Thema literarisch auseinanderzusetzen. Die Ausschreibung 2017/18 hatte ‚Begegnungen‘ als Leitmotiv für die einzureichenden Beiträge.

Die Einführung 

Auf knapp 200 Seiten werden nun die prämierten Texte dem breiteren Publikum vorgestellt. In das Thema und den Preis einführend kommen jedoch in dem Band zuerst neben dem diesjährigen Schirmherrn Thomas Galli, einem ehemaligen Anstaltsleiter der dem Gefängnis als Beruf den Rücken kehrte, sowie einer der Mitbegründer des Literaturpreises,Prof.Dr.Koch zu Wort und skizzieren die Bedeutung sowie Wirkmacht des Schreibens für eingeschlossene Menschen. Galli formuliert erneut, wie schon zuvor in Interviews und eigenen Publikationen, seine Abrechnung mit dem Gefängniswesen, wenn er davon schreibt, „wer andere zur Strafe inhaftiert, der trennt, spaltet, schafft Gräben, verletzt.“

Prof. Koch beleuchtet das Genre ‚Gefangenenliteratur‘ aus literaturwissenschaftlicher Sicht und beschreibt u.a. anhand eines Textes, jenem des Preisträgers Maelach (S.29-49), dessen gestalterischen und thematischen Strukturen. Besonders auffällig ist für Koch, wie häufig der Suizid in den eingereichten Beiträgen sich als Stichwort finde und kommt zum Ergebnis, vieles von dem was geschildert werde „grenzt (…) an das, was auch als ‚Weiße Folter‘ bezeichnet wird“ (S.21).

15 Autorinnen und Autoren werden präsentiert

Fünfzehn prämierte Autorinnen und Autoren werden textlich vorgestellt, darunter auch schon ein Preisträger früherer Jahre: Helmut Palmer. Sein ebenso bitteres, wie bedrückendes Fazit „nach über 30 Jahren Hafterfahrung und 10 Jahren in einer Irrenanstalt“ lautet kurz und knapp „Traurig aber wahr. Lieber im Gefängnis sterben, als in einer Irrenanstalt leben“ (S.113). Eine Feststellung die viele der tausenden Menschen in Deutschland und darüber hinaus gezwungen sind in solchen Einrichtungen, man scheut es sich fast es so zu nennen, zu „leben“, zustimmen werden.

Krisztina Spielfeld aus der JVA Schwäbisch-Gmünd (S.93/94) beschreibt „Begegnungen, die nie stattfanden“. Ihr gelingt es auf nur zwei Seiten dem Leser eine Begegnung mit der kleinen Krisztina zu vermitteln, die auf den Weihnachtsmann -vergeblich-gewartet hatte, bis hin zu der für sie dann doch beginnenden und sie erschütternden stattfindenden Begegnung mit sich selbst, die sie viel zu lange aufgeschoben hatte.

Es wäre auch über die anderen prämierten Texte noch viel zu notieren, aber ich möchte zum Abschluss noch ein paar Worte zu jenem von J.B. Maeloch (einem Alias-Namen) verlieren, auch deshalb weil ich den Autor persönlich kenne. Wir drückten knapp drei Jahre lang hier in der JVA Freiburg die Schulbank. Auf den zwanzig Seiten seiner Geschichte (das Original ist wesentlich länger) führt uns J.B. durch das Panoptikum des Gefängnislebens ebenso, wie durch sein eigenes Seelenleben, das nämlich wesentlich aufgewühlt wurde durch die Trennung von seiner Partnerin, seiner „großen Liebe“. Mit einer solchen Trennung, eingeschlossen in der Zelle alleine zurecht zu kommen, ihn hat das an seine körperlichen und seelischen Grenzen geführt. J.B. wurde 1990 in Rumänien geboren und kam mit seiner Familie 1994 nach Deutschland. Später folgten Militärdienst und dann die Tat, die ihn für einige Jahre ins Gefängnis führen sollte, eine Zeit in der er „zum ersten Mal Verbrecher kennen“ lernte (S.31). Rückblenden in die Zeit seiner Untersuchungshaft und Gegenwart wechseln sich ab, so wie Anekdoten in welchen ein Asiate alle auf einen „Bong“ einlädt, oder der Pott im Pokerspiel mit „20 Nuss-Schokolade“ heiß war, geradezu glühte (S.32), mit jenen Passagen in denen er sich kritisch mit dem Strafrechtssystem auseinandersetzt. Man kann ihm bei diesen Selbstgesprächen gewissermaßen über die Schulter schauen und verfolgen wie sich seine An- und Einsichten entwickeln. Mittlerweile hat er so sehr Gefallen am Schreiben gewonnen, dass er dieses Talent ausbauen und auch mal ein eigenes Buch veröffentlichen möchte.

Empfehlung

Wer also einen Einblick in das bekommen möchte was die Ausgeschlossenen bewegt, wenn sie über „Begegnungen“nachdenken, nachspüren, etwas das zu den elementaren Erfahrungen und Bedürfnissen eines jeden Menschen zählt, findet hier in dem Sammelband keine endgültige Antwort, aber spannende Perspektiven und vielleicht auch Anregungen selbst einmal den Kontakt zu gefangenen Menschen zu suchen: um am Ende sich möglicherweise sogar zu begegnen!

Bibliografische Daten:

„Begegnungen in der Welt des Widersinns“

Herausgeber: Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene“

200 Seiten

Verlag: Rhein-Mosel-Verlag (Zell/a.d.Mosel)

ISBN: 978-3-89801-408-3

 

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),

Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com