Strafraum – Absitzen in Freiburg! Eine Rezension

Vor wenigen Wochen erschien im Herder-Verlag (https://www.herder.de/) anlässlich der 900-Jahre Freiburg ein 112 Seiten Buch, welches umfänglichen Einblick in den Haftalltag gewährt.

Das Buchprojekt – es war zuerst ein Fotoprojekt

2020 wollte die Stadt eigentlich groß das 900-Jahr-Jubiläum feiern, bis dann Corona dazwischen kam. Während der Vorbereitungen fiel irgendwann auf, dass das in der Stadtmitte gelegene Gefängnis im Grunde gar nicht vorkommen würde. Einer Freiburger Fotografin, Frau Schilling, einer Filmemacherin, Frau Dettmer-Finke, aber auch dem evangelischen Anstaltspfarrer Philippi ist zu verdanken, dass im Zuge intensiver Gespräche ein Foto – und Informationsprojekt „Strafraum – Absitzen in Freiburg“ in Gang kam. Da Aufnahmen innerhalb der Anstalt erfolgen sollten, musste auch das Justizministerium in Stuttgart eingebunden werden, bis zur Hausspitze, dem Minister.

Ab Mitte Juni befinden sich an der Außenmauer der Haftanstalt große Plakate, die Gefangene auf Plastikstühlen sitzend zeigen. Von hinten fotografiert. Auf der Gegenseite, also der Innenseite der Mauern, sieht man die selben Insassen, diesmal jedoch von vorne aufgenommen.

Aus den Fotos entstand dann das Buch ….(vgl. auch: https://www.strafraum-freiburg.de)

Das Buch – über die Textbeiträge

Die beiden Künstlerinnen, sowie der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur der Badischen Zeitung, Thomas Hauser, sie gewannen ganz unterschiedliche Autorinnen und Autoren für textliche Beiträge, so dass es am Ende eben kein reines Bilderbuch wurde.

Der ehemalige langjährige Gefängnisleiter Thomas Rösch gibt Auskunft über Gewalt und Drogen, zumindest wie er die Problematik beurteilt. Peter Asprion, pensionierter Bewährungshelfer und früher selbst Sozialarbeiter in der JVA Freiburg berichtet aus seiner Arbeit und der Wirksamkeit von Bewährungshilfe.

Dr. Rath, er schreibt unter anderem für die taz, problematisiert die Frage, ob Nationalitäten in der Medienberichterstattung zu Kriminalfällen von Relevanz sind und kritisiert, dass „Ausländerkriminalität überdimensioniert häufig thematisiert“ werde.

Eine Lehrerin, die im Abiturkurs Geschichte und Politik unterrichtet, Anita Firner, berichtet von einem Unterrichtsprojekt, in welchem gefangene Schüler  mit SchülerInnen eines beruflichen Gymnasiums in einen Dialog über das „Freisein“ traten. Was bedeutet Freiheit den jungen Menschen am Gymnasium – und was den beteiligten inhaftierten Schülern!

Weitere Beiträge befassen sich mit der Gefängnisarchitektur (Wulf Rüskamp), grundlegender Kritik an der Sinnhaftigkeit von Gefängnissen seitens Thomas Galli (einem früheren Anstaltsleiter und heute als Rechtsanwalt tätigen Autoren), nähern sich dem Sinn von Strafe philosophisch (Martin Hochhuth), vergessen aber auch die Frage nach den Opfern nicht (Michael Kilchling). Womit die Aufzählung des sehr dichten Bandes aber keineswegs abschließend wäre.

Das Buch – über die Bildaufnahmen

Britt Schilling gelingt es mit nüchternen Aufnahmen Einblicke in die Gefängniszellen zu gewähren, wie sie sonst selten zu finden sind. Stille Aufnahmen, wie beispielsweise von einem Teller mit zwei Würstchen, zwei Brötchen und einer Schüssel eines undefinierbaren Eintopfs, dazu das Plastikbesteck einerseits, und Aufnahmen die Leben ausstrahlen: Der rauchende Insasse, der einen Boden fegende Arbeiter, andererseits.

Besonders berühren mich die Aufnahmen von Briefen. Schilling hatte an einem Gesprächskreis mit Gefangenen und dem evangelischen Anstaltspfarrer teilgenommen. Daraus entstand die Idee, jeden Tag exakt um 17.15 Uhr zu notieren, was den Beteiligten gerade beschäftigt – und die Fotografin würde ihrerseits ein Foto machen, egal wo sie gerade wäre.

Ein ganzes Jahr lang lief dieses Projekt und nun kann man einige der Briefe lesen, die Notizen der Gefangenen, sowie Bilder sehen, welche Britt Schilling gemacht hatte. Hier begegnen einem die Insassen als Menschen, mit all ihren Sorgen und in ihrer Alltäglichkeit.

Resümee

Das Buch kann nur einen kleinen Ausschnitt darstellen, aber es verhält sich durchaus kritisch zum Themenkomplex Strafvollzug und Sinn von Strafe. Gerade weil die AutorInnen sich weitestgehend dem bürgerlichen Spektrum zuordnen lassen, besteht vielleicht die Chance, dass die Strafkritik auch weiter in die Gesellschaft hinein verbreitet wird. Daneben bieten die großformatigen Fotos jedoch jeder/jedem Interessierten einen anschaulichen Einblick hinter die Mauern eines Gefängnisses.

Bibliografische Angaben:

„Strafraum – Absitzen in Freiburg“

Hrsg.: Dettmer-Finke, Hauser, Schilling

Herder-Verlag, Preis: 15,– €

ISBN: 978-3-451-38822-4

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA – SV-Abtlg., Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

http://www.freedom-for-thomas.de

 

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