Radiobeitrag von Thomas im Radio Dreyeckland Freiburg Dezember 19

– am Schluss des Beitrags ist der link zur audiodatei

Im Knast zu sitzen ist für niemanden angenehm, aber in den letzten Wochen eines Jahres wird vielfach die Stimmung besonders drückend. Die Tage werden kürzer und dunkler. Die Nächte werden länger und kälter.

Viele Gefangene verbringen ihre Tage noch öfter vor ihren Fernsehern als sonst. Was sollen sie auch anderes tun? In diesen Wochen vor dem Jahreswechsel regiert im Knast der Zelleneinschluss. Die Beamt:innen wollen Weihnachten feiern, also schließen sie die Insass:innen die meiste Zeit des Tages weg und überlassen sie dort sich selbst. Hier in Freiburg hat schon vor 2 Tagen, nämlich am 20.Dezember diese Phase begonnen und wird bis einschließlich 1. Januar dauern. Für jene in Untersuchungs- und in Strafhaft bedeutet dies: es gibt eine Stunde Spaziergang im Hof, dazu noch die Möglichkeit des Zellenumschlusses und vielleicht der eine oder andere kurze Zellenaufschluss um sich zu duschen oder Kollegen auf der Station zu einem Kaffee zu besuchen. Die Zeiten in denen Besucher:innen von außen zu Besuch kommen können sind ebenfalls reduziert.

Im Bereich der Sicherungsverwahrung, von wo ich aus euch heute berichte, ist es etwas anders. Sicherungsverwahrung, ein Relikt von 1933, damals von den Nationalsozialisten ins Strafrecht aufgenommen. Seitdem dürfen und werden Menschen die ihre Strafe längst verbüßt haben weiterhin eingesperrt. Eine Haft ohne Ende. Von Betroffenen als eine „Todesstrafe auf Raten“ beschrieben, denn die Seele verkümmert, sie verkrüppelt und irgendwann erlischt die Lebenskraft.Dieses Schicksal teilen die Betroffenen jedoch letztlich mit allen Inhaftierten, besonders mit den Langzeitgefangenen!

Hier also in der Sicherungsverwahrung, sind die Zellen nämlich von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends auch über die Weihnachts- und Silvesterzeit offen. Aber das ist die Ausnahme im Vollzugswesen.

Ja sie sitzen also vor ihren Fernsehern und werden dort zugedröhnt mit einer pseudo-fröhlichen Weihnachtsstimmung auf allen Kanälen, und sie erfahren doch am eigenen Leib die Kälte der Gesellschaft. Sie schauen auf die toten Wände in ihren kleinen Zellen. Jenen Zellen, in welchen im laufe der über 100 Jahre Knastgeschichte hier in Freiburg, oftmals schon Menschen gestorben sind. Sie warten darauf, dass sie eines Tages wieder ausgespuckt werden vom Knastsystem. Zurück in die Gesellschaft. Oder sie warten darauf, dereinst selbst hinter Gittern zu sterben. Letzteres ist ein typisches Gefühl in der Sicherungsverwahrung, oder bei den Gefangenen welche eine lebenslange Strafe verbüßen.

Jenen die es anders nicht aushalten gehen zu den Knastärzten und lassen sich Psychopharmaka verschreiben. Oder sie besorgen sich auf dem Schwarzmarkt Drogen. Für Minuten und Stunden schießen sie sich ab. Sie wollen nur weg! Weg, in ein Land das nicht so voller Schmerz ist. Verkatert werden sie dann wieder aufwachen und die toten Zellenwände starren sie an. Und alles wird weitergehen wie zuvor.

Klar, damit teilen sie ein Schicksal mit jenen vielen tausend Menschen vor den Gefängnismauern, die einsam in ihren Wohnungen hocken. Aber der Unterschied zum Knast ist, dass hier die Isolation gesellschaftlich erzwungen wird.

Ist es nicht paradox? Menschen die in ihrer Sozialisation vielfach beschädigt worden sind, sie sollen dann durch Isolation und Eingesperrt- werden auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden.

Immer wieder wird nach der Abschaffung der Gefängnisse gerufen, von anarchistischer Seite konsequent seit jeher, immer mehr dringt der Ruf in die Gesellschaft ein. Auch wenn wir heute noch weit entfernt sind von einer Gesellschaft die keine Knäste mehr betreibt, so sind wir doch auf dem Weg dorthin. Niemand von uns dürfte eine solche Gesellschaft zu Lebzeiten noch erleben, aber es ist an uns, den kommenden Generationen diese Forderung mit auf ihren Weg zu geben.

Übrigens, nächstes Jahr will Freiburg sich bekanntermaßen selbst feiern. 900 Jahre Stadtjubiläum! Der Knast, obwohl er mitten im Herzen der Stadt steht, sollte ursprünglich gar nicht in den Feierlichkeiten vorkommen. Ein Totenhaus im wahrsten Wortsinne. Aber zuletzt besann man sich und nun gibt es ein Kunstprojekt. Gefangene wurden fotografiert, von vorne und von hinten. Auch ihre Zellen nahm man dabei auf. Alles mit deren Zustimmung. Die Aufnahmen ihrer Rücken werden an die Außenseiten der Mauern auf riesigen Plakaten zu sehen sein, während auf den Innenseiten der Mauern die Portraitaufnahmen prangen. Ferner wird das Projekt durch eine Buchpublikation ergänzt, auch mit Beiträgen von gefangenen Menschen.

Aber es gibt auch Vorfreude hier im Gefängnis. Nämlich auf den 31. Dezember. Auf die Demo vor dem Knast, die mittlerweile zu einer Tradition geworden ist. Die Musik die gespielt werden wird, die kämpferischen Rufe, die Redebeiträge, das kleine Feuerwerk. All das wird Leben und Stimmung in den Gefängnisalltag bringen.

Und es gibt die Vorfreude auf das nächste Jahr, getrieben von der vielfach nicht tot zu kriegenden Hoffnung, das es künftig anders und besser werden wird. So trostlos das Jahresende im Knast auch scheinen mag, hier gibt es nämlich trotz allem ein Leben wie sonst nirgendwo!

Herzliche, kämpferische und solidarische Grüße an alle Hörer:innen!

Ein ganz besonderer Gruß gilt noch jenen die in Isolationshaft sitzen, oder in der Psychiatrie. Zwei Orte die vielfach übersehen werden, wo jedoch das Leben mitunter noch vielfach härter ist, als im Normalvollzug.

Thomas Meyer -Falk
-Langzeitgefangener-

https://www.freie-radios.net/99093

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