Was bleibt ist ein Stück Ekel – über einen Supermarktbesuch!

Nach fast 21 Jahren in Gefängnissen, besuchte im am 06.April 2017 erstmals einen Supermarkt hier in Freiburg. Wie kam es dazu und wie erlebt jemand, der ansonsten die reduzierte Welt der Gefängnisarchitektur gewohnt ist, diese Konsumwelt?
Die bisherigen Ausführungen

Seit Sommer 2013 sitze ich in der Justizvollzugsanstalt Freiburg in Sicherungsverwahrung; da man als Verwahrter Anspruch auf vier von Wärtern bewachte Ausführungen im Jahr hat, beantragte ich umgehend solche. Die Anstalt billigte mir die ersten Jahre nur Ausführungen direkt in die Wohnung von Freundinnen zu, begleitet von drei uniformierten Vollzugsbeamten, gefesselt und ständig und unmittelbar von den Beamten beobachtet. Ich wurde also  nach Stuttgart oder Bretten chauffiert, in einem vergitterten VW-Bus der Haftanstalt, saß dort gefesselt und wurde dann vom Parkplatz bis in die Wohnung zusätzlich an einen der Gefängniswärter gekettet. Denn, so der juristische Vertreter der JVA Freiburg, Oberregierungsrat Andreas R., es gebe ein „anonymes Unterstützungsumfeld“, welches für die Anstalt nicht einschätzbar und welche möglicherweise geneigt sei,den Untergebrachten zu befreien oder aber die Ausführung „zu stören“. Deshalb sei es auch ausgeschlossen, dass ich in einem Supermarkt ginge, da dort eine Vielzahl von „Fremdpersonen“sei.

Die Anstalt gibt nach

Anfang 2017 zeichnete sich ab, dass die Anstalt den beharrlichen Anträgen, endlich mal Einkaufen gehen zu können folge zu leisten, geneigt sein könnte, denn die Stationspsychologin, Frau W. fragte nach, ob ich bereit wäre Schuhe zu tragen bei einer solchen Ausführung(zu meinem sonstigen Auftreten ohne Schuhe,vvgl.https://linksunten.indymedia.org/en/node/208126),und ob ich Privatkleidung anzuziehen gewillt sei, denn bislang zog ich es vor Gefängniskleidung zu tragen. Sie ließ mich wissen, „man“ wolle mit mir nicht auffallen, eine Ausführung solle „gut verlaufen“ und an deren ende sollten „alle gesund und wohlbehalten zurück in die Anstalt kommen“.

Bei den Schuhen gab ich nach, aber die praktische Gefängniskleidung wollte ich auch weiterhin anziehen.

Der Tag der Ausführungen

Und so wurde für den 06.April eine Ausführung in einen Supermarkt angesetzt. Um 09.Uhr fuhren drei in legerer Privatkleidung gewandete Gefängnisbeamte, so wie meine Wenigkeit (beschuht, aber in Knastkleidung) in einem vergitterten VW-Bus in den nur einige Fahrminuten entfernten Supermarkt. Es war ein sonniger, milder Frühlingstag, nicht ganz unberechtigt gilt Freiburg als die wärmste Stadt Deutschland. Der Parkplatz war noch ganz leer.

Mit dem Einkaufswagen ging es dann durch die Regalreihen, wobei ich feststellte, dass mir nichts wirklich fremd vorkam, es war, als wären die letzten 21 Jahren nicht gewesen, als wäre ich erst vorgestern zuletzt Einkaufen gegangen, und nicht im Oktober 1996. Sicher, die Vielfalt der Warenwelt mag etwas üppiger gewesen sein, als seinerzeit, aber genauso bunt und schrill. Ich kaufte ein bisschen Kleidung, einen Thermobecher und noch einige andere lebenspraktische Dinge,die ich in der Anstalt beim Gefängniskaufmann nicht würde erhalten,sowie diverse Lebensmittel. Denn das Sortiment, das über den Knastkaufmann erhältlich ist, ist doch auf Dauer eintönig.

An der Kasse angekommen musste ich erstmal nach dem Geld schauen, denn dieses hatte einer der Bediensteten in einem anstaltseigenen Geldbeutel bei sich. Aus „Gründen der Sicherheit“ erhält keiner der Untergebrachten das Bargeld dauerhaft, sondern erst an der Kasse wird einem der Geldbeutel, mehr oder weniger auffällig zugesteckt und nach dem Bezahlvorgang muss man ihn dem Beamten zurückgeben. So soll verhindert werden, dass ein Verwahrter der flüchten möchte, gleich einen Geldbetrag bei sich hat.

Die Kassiererin zog in zügigem Tempo die Waren über den Scanner, so dass ich kaum nach kam mit dem Einpacken. Die obligatorische Frage ob ich Treuepunkte sammele oder mit „Karte bezahlen“ wolle, verneinte ich (logischerweise).

Während des Supermarktbesuchs machte ich noch einige Fotos, mit dem anstaltseigenen Fotoapparat, da ich einer befreundeten Gefangenen mit Bildern ein bisschen was von dem Ausflug zeigen wollte; die einzige Neuerung zu 1996 war also der Fotodrucker im Supermarkt.

Gegen 12:10 traf ich in der Anstalt ein – der Supermarktbesuch war absolviert.

Warum Ekel

Der Ausflug hinterließ, zumindest ein stückweit, Ekel. Die schlaraffenlandähnliche Konsumwelt, vielleicht ist sie mir doch fremd geworden, aber der überbordende Überfluss, die Waren, die konsumiert werden sollen um möglichst rasch verdaut zu werden, um hernach noch mehr zu konsumieren, sie hinterließ bei mir schon beim bloßen Betrachten ein Völlegefühl, wie nach einem wirklichen überreichen Mahl, wenn man sich fragt, ob man sich sogleich erbrechen müsse – oder doch nicht.

Es geht nicht nur darum, dass nur wenige tausend Kilometer entfernt Menschen sterben, verhungern, sie sich vielleicht nicht einmal vorstellen können, oder auch gar nicht die Gelegnheit haben, welchen ’schwierigen‘ Entscheidungen wir uns hierzulande stellen müssen: kaufen wir nun den golden verpackten Schokohasen, oder doch den in Blau. Nehmen wir diesen Joghurt, oder doch den in der 48.Variante?

Sondern was macht es mit unserem Erleben, mit unsrem Fühlen und vor allem unsrem Denken, wenn wir uns betäubt von der Warenwelt dem Konsumrausch hingeben, die Wagen, Taschen und Autos immer voller laden, obwohl doch ein viel kleineres Sortiment völlig genügen würde?!

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. JVA, Hermann-herder-str.8, D-79104 Freiburg
https://freedomforthomas.wordpress.com

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